Die Experten des Sarkomzentrums und des WPE arbeiten gezielt interdisziplinär. In der Mitte: Prof. Dr. med. Sebastian Bauer.

„Je mehr Erfahrung, umso geringer die Fehlerquote und umso besser die Qualität.“

Interview mit Prof. Dr. med. Sebastian Bauer vom Westdeutschen Sarkomzentrum

Sie können überall am Körper auftreten, verursachen zu Beginn meist wenig Beschwerden und sind klinisch nur schwer von gutartigen Veränderungen wie beispielsweise Lipomen zu unterscheiden: Sarkome – bösartige, potenziell tödliche Tumoren – stellen Mediziner und Patienten vor enorme Herausforderungen, nicht zuletzt, weil sie relativ selten sind. In Deutschland werden lediglich etwa 1000 bis 2000 Neuerkrankungen pro Jahr registriert. Prof. Dr. med. Sebastian Bauer, ärztlicher Sprecher des Sarkomzentrums am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) erläutert im Interview die Möglichkeiten moderner Diagnostik und Therapie bei der Behandlung von Sarkomen, insbesondere jene der Protonentherapie.

Herr Prof. Bauer, was sind Sarkome? Welche Sarkom-Arten gibt es? Und welche sind am häufigsten?

Sarkome sind bösartige Tumorerkrankungen, die aus Vorläuferzellen des Stütz- und Bindegewebes hervorgehen. Sie können im gesamten Körper auftreten. Grob unterscheidet man zwischen Knochensarkomen und Weichgewebssarkomen, die aber noch weiter in über 150 verschiedene Untergruppen aufgeteilt werden. Die Behandlung der Sarkome unterscheidet sich in Abhängigkeit von der Subgruppe oder bestimmten Merkmalen, die die Pathologen festlegen.

Zu den häufigsten Sarkomen gehören Leiomyosarkome (von der glatten Muskulatur ausgehend), Liposarkome (von Fettzellen ausgehend) und undifferenzierte Sarkome. Im Knochen sind Ewing-Sarkome und Osteosarkome die häufigsten Sarkomsubgruppen. Die Häufigkeiten variieren allerdings sehr stark in Abhängigkeit vom Alter der Patienten.

Welche Rolle spielt eine exakte Typisierung für die spätere Therapie? Und warum ist es so wichtig, dass Patienten mit Sarkom-Verdacht in einem spezialisierten Zentrum vorstellig werden?

Die exakte Typisierung ist wichtig für alle Phasen der Therapieplanung. Es gibt Sarkome, bei denen eine Operation alleine praktisch immer zur Ausheilung führt (etwa so genannte atypische lipomatöse Tumoren im Bereich der Extremitäten). Bei anderen Sarkomen muss vor einer Operation eine Chemotherapie erfolgen, da die Heilungschancen sonst möglicherweise deutlich sinken (zum Beispiel beim Ewing-Sarkom). Die Einteilung der Bösartigkeitsstufen und auch die Operabilität legt zudem fest, ob eine Strahlentherapie und/oder eine Chemotherapie sinnvoll bzw. für die Heilung nützlich ist. Für viele Sarkomsubgruppen ist diese Einteilung individuell unterschiedlich, und meist kann diese nur durch Experten-Pathologen festgelegt werden. In einem Sarkomzentrum arbeiten Behandlungsteams, die sich schwerpunktmäßig um Sarkompatienten kümmern. Je mehr Erfahrung, umso geringer die Fehlerquote und umso besser die Qualität. Das ist wie sonst auch überall im Leben. Sarkome sind aber extrem seltene Tumoren – viele Ärzte sehen Sarkome nur wenige Male im Leben. Es sollte selbstverständlich sein, dass Patienten dann automatisch an ein Zentrum weitergeleitet werden.

Welche grundsätzlichen Therapieoptionen bietet das WSZ?

Das Sarkomzentrum am Westdeutschen Tumorzentrum ist das größte Sarkomzentrum in Deutschland. Das hängt mit der langjährigen, strukturierten Behandlung durch ein Team von Ärzten und medizinischen Fachkräften zusammen. Es wurden durch die Klinikleitung und das WTZ bewusst Spezialisten von anderen Aufgaben freigestellt, um sich ausschließlich auf die Behandlung von Sarkompatienten zu konzentrieren. Zudem gibt es einige Technologien, die bei der Behandlung von Sarkomen zum Einsatz kommen, die es nur hier oder nur an ganz wenigen Zentren in Europa gibt. Dazu zählen zum Beispiel die Protonentherapie, die Tomotherapie, aber auch die isolierte Extremitätenperfusion oder Studien mit den neuesten Medikamenten.

Wie arbeitet das interdisziplinäre Team des WSZ? Wie verständigen sich Experten aus verschiedenen medizinischen Bereichen auf eine gemeinsame Therapieoption?

Die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen wird seit einigen Jahren durch die Zertifizierung von Krebszentren überprüft. Im Sarkomzentrum findet diese Zusammenarbeit schon seit über 15 Jahren strukturiert statt. Neben einer Sprechstunde, bei der Ärzte aus verschiedenen Disziplinen Patienten gemeinsam anschauen, treffen sich Experten jede Woche für zwei bis drei Stunden und diskutieren jeden neuen Fall oder jeden Fall, bei dem eine Entscheidung ansteht, in einer klinischen Konferenz (Tumorboard). Sarkompatienten können nicht durch eine Disziplin alleine behandelt werden – wer einmal in einer solchen Konferenz gesessen hat, versteht schnell, dass es meist mehrere Seiten einer Medaille gibt und die Entscheidungsfindung nur im gemeinsamen Gespräch effektiv erfolgen kann. Effektiver als jede digitale Kommunikation.


Das Westdeutsche Sarkomzentrum (WSZ) am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) gehört zu den größten Zentren für die Behandlung von Knochen- und Weichteilsarkomen in Europa. Ein hochspezialisiertes Team aus Chirurgen, Strahlentherapeuten, medizinischen und pädiatrischen Onkologen, Radiologen und Pathologen betreut jährlich mehr als 400 Sarkompatienten. Das WSZ ist spezialisiert auf interdisziplinäre Therapiekonzepte und setzt neben hochmodernen chemotherapeutischen Behandlungen auch präoperative Verfahren wie etwa die so genannte „Isolierte Extremitäten-Perfusion (ILP)“ sowie komplexe und zielgerichtete Strahlentherapien (Protonentherapie, IMRT und alle anderen üblichen modernen Techniken) ein. Das WSZ ist aktives Mitglied in der europäischen Sarkomarbeitsgruppe (EORTC Soft Tissue and Bone Sarcoma Group (STBSG)), der Sarkomarbeitsgruppe der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie (AIO), der Sarkomarbeitsgruppe des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) sowie der Sarkom und GIST-Patientenorganisation „Das Lebenshaus“.
Patienten erreichen die Terminvergabe für die regelmäßige internistisch-onkologische Sprechstunde des Sarkomzentrums unter Tel. 0201 / 723 – 21 12 und die Terminvergabe der chirurgischen Sarkomsprechstunde unter Tel. 0201 / 723 – 83 535.
Ob eine Protonentherapie in Frage kommt, klären die Ärzte am WPE gerne individuell. Diese erreichen Sie unter Tel. 0201 / 723-66 00 oder per Mail: wpe@uk-essen.de.


Welche Vorteile hat das für die Patienten?

Die Entscheidungen werden dadurch viel schneller gefällt und qualitativ sehr viel besser. Wer ein Haus baut, wird auch nicht nur einen Maurer beauftragen, sondern ein Team von vielen Spezialisten.

Leider sieht die Realität in Deutschland so aus, dass nicht jeder Sarkompatient zu Beginn der Diagnose direkt in einem Sarkomzentrum vorgestellt wird. Dadurch entstehen regelhaft – ich würde sagen bei fast der Hälfte aller unserer Patienten, die wir zur Beratung oder Zweitmeinung sehen – therapierelevante Verzögerungen, unvollständige oder zusätzliche Operationen, unnötige Belastungen durch vermehrte Nebenwirkungen oder aber auch einfach falsche Therapieentscheidungen. Im Ruhrgebiet ist erfreulicherweise die Zuweisung an Zentren relativ gut – und in vielen Fällen können auch nach einer Therapieentscheidung wieder Therapeuten in der Heimat der Patienten mit in die Therapieentscheidung eingebunden werden.

Welche Möglichkeiten hat die Protonentherapie bei der Therapie sarkomatöser Tumoren, und bei welchen Sarkomen kommt sie idealerweise zum Einsatz?

Als Onkologe bin ich natürlich kein Experte für Strahlentherapien. Aber von meiner Warte haben wir hier eine Technologie, die gerade bei den Sarkomen eine besondere Rolle spielt, bei denen die Lage im Körper eine effektive, hochdosierte Strahlentherapie sehr schwierig oder unmöglich macht. Hier kann die Protonentechnik helfen, anhaltende Nebenwirkungen zu vermeiden. Bestes Beispiel sind dabei zum Beispiel Tumoren im Bereich der Schädelbasis oder auch der Wirbelsäule. Es ist hierbei auch wichtig zu erwähnen, dass die Entscheidung zur Wahl der besten Methode neben der Indikationsstellung immer im Rahmen einer interdisziplinären Tumorboardbesprechung erfolgen sollte. Das ist glücklicherweise hier in Essen gegeben.

Die Protonentherapie ist ein relativ junges Bestrahlungsverfahren, das auch am WSZ erst seit einigen Jahren angeboten wird. Welchen Einfluss hat der nunmehr regelmäßige Einsatz dieser Therapieform auf die Heilungschancen bei Sarkomen?

Die Protonentherapie ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Baustein in dem Behandlungsangebot für Sarkompatienten. Hier am WTZ sitzen Experten für Photonen und Protonen zusammen und entscheiden gemeinsam, welches Verfahren am besten geeignet ist. Wir sind fest davon überzeugt, dass bei richtiger Auswahl der Patienten die Heilungschancen als auch die Lebensqualität durch die Protonentherapie verbessert werden. Durch die am WPE durchgeführte Datenerfassung innerhalb von Beobachtungsstudien werden wir in den nächsten Jahren sicherlich die Datenlage für den Stellenwert der Protonentherapie verbessern können.

 


Prof. Dr. med. Sebastian Bauer leitet den Sarkomschwerpunkt der Inneren Klinik (Tumorforschung) und ist ärztlicher Sprecher des Sarkomzentrums am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) des UK Essen sowie Leiter des Schwerpunktes „Personalisierte Tumortherapie“ (W3-Professur) einschließlich des Bereichs Frühe Klinische Studien (Phase I) und Arbeitsgruppenleiter der Translationalen Sarkomforschung. Seine Forschungsarbeit konzentriert sich unter anderem auf medikamentöse Therapien bei Weichteilsarkomen einschließlich Gastrointestinale Stromatumoren (GIST), die Therapieoptimierung bei Knochen- und Weichteilsarkomen sowie auf Prognosefaktoren insbesondere für multimodale Therapieansätzen bei Weichteilsarkomen einschließlich GIST. Prof. Bauer ist unter anderem Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie (AIO), der American Society of Clinical Oncology sowie Mitglied des medizinisch-wissenschaftlichen Beirats der Patientenorganisation „Das Lebenshaus“ (Sarkome und GIST) und Mitglied der Life-Raft-Group Research Team „Pathway to Cure“.