Das Team der Ambulanz am WPE. In der vorderen Reihe (v.l.nr.): Elida Dyshniku, Gaby Pakosch, Christian Bestek, Dagmar Jaroni. In der hinteren Reihe (v.l.n.r): Birgit Haake, Sabine Jollasse, Natascha Ghandour, Jürgen Höing und Yvonne Nagel.

„Bei uns geht es nicht um anonyme Fälle, sondern um Menschen mit einer Geschichte“

Rund sechs Wochen dauert die Therapie im Westdeutschen Protonentherapiezentrum im Regelfall. Sechs Wochen sind die meisten unserer Patienten und Patientinnen an einem fremden Ort, sechs Wochen ohne gewohnten Tagesablauf, ohne die komplette Familie, schlicht: ohne ihre normales Umgebung. Eine der wichtigsten Anlaufstellen ist in dieser Zeit die Ambulanz des WPE. Und das nicht nur für medizinische Fragen.

„Wir sind ein multiprofessionelles Team. Wir sind multikulturell, arbeiten mehrsprachig, haben alle langjährige Berufserfahrung“, sagt Jürgen Höing, Teamleiter der Ambulanz – und fasst damit die wichtigsten Kompetenzen seiner Abteilung zusammen. Dort arbeiten Gesundheits- und Krankenpfleger mit einer Fachweiterbildung in der Onkologie-, Palliativ-, Intensiv- oder Anästhesiepflege sowie Medizinische Fachangestellte, die den Tagesablauf administrativ begleiten – bei der Anmeldung, der Terminierung, der Datenverarbeitung. Insgesamt neun Mitarbeitende; sieben Frauen, zwei Männer.

Ein „hochmotiviertes Team“, zu deren Aufgaben mehr gehört als die Blutentnahme und regelmäßige Vitalzeichenkontrolle. Höing: „Die Patienten, die zu uns kommen, brauchen Unterstützung. Wir sehen sie über sechs Wochen beinahe jeden Tag, und wir bemühen uns, ihnen in dieser Zeit so viel Unterstützung wie möglich zukommen zu lassen. Mindestens einmal pro Woche wird jeder Patient in der Pflege-Ambulanz vorstellig, um seine Werte überprüfen zu lassen. Etwaige Nebenwirkungen der Therapie werden exakt dokumentiert, Gewichtsverlust etwa, lokale Hautveränderungen, Abgeschlagenheit, chronische Müdigkeit. Klassische Folgen einer Strahlentherapie, die aber den Betroffenen selbst nicht immer auffallen. „Hier suchen wir das Gespräch, kümmern uns etwa um eine Ernährungsberatung- oder Sondenkost und die Wundversorgung.“ Klassische Aufgaben der Pflege. Medizinischer Alltag auch am WPE.

Den Menschen als Ganzes sehen

Doch es gibt auch Aufgaben, die sich in keinem offiziellen Leistungskatalog finden – für alle im Team jedoch selbstverständlich sind. „Wir sehen den Menschen ganzheitlich, gehen auf seine Probleme ein, hören ihm zu und versuchen, zu helfen, egal, um was es gerade geht. Unsere Patientinnen und Patienten haben mit ihrer Erkrankung schließlich bereits genug Sorgen“, erklärt Christian Bestek. Deshalb, ergänzt seine Kollegin Natascha Ghandour, sei es auch selbstverständlich, dass nicht nur die Therapie als solche, sondern auch die Nachsorge nach drei Monaten umfassend vorbereitet wird, „dass die Termine vorbereitet sind und wir schon im Vorfeld wieder Kontakt aufgenommen haben“.

Ein Anspruch an die eigene Qualität der Arbeit, der im Rahmen der Therapie zugleich mit besonderer Aufmerksamkeit für das Befinden – auch das psychische – der Patienten verbunden ist. Yvonne Nagel: „Die meisten Patienten kommen nicht aus der Region; wir behandeln zum Beispiel viele Patienten aus dem europäischen Ausland. Sie werden aus ihrem Alltag, ihrem Umfeld gerissen. Da ist es wichtig, dass es feste Ansprechpersonen wie uns gibt. Wir lernen jeden einzelnen im Laufe der sechs Wochen immer besser kennen und merken dann auch, wenn irgendetwas nicht ganz stimmt und können frühzeitig reagieren.“ Ganz bewusst werde der psychosoziale Dienst ins wöchentliche Team-Meeting eingebunden. Ganz gezielt bemühe man sich darum, sprachliche Barrieren so gering wie möglich zu halten. Jürgen Höing: „Alle im Team sprechen mindestens noch Englisch. Außerdem haben wir Mitarbeiter, die sich auf Polnisch, Russisch, Albanisch und Arabisch verständigen können.“ Die Mehrsprachigkeit punkte dabei gleich in vielfacher Hinsicht: „Zum einen ist es wichtig, dass medizinische Fachbegriffe auch richtig verstanden werden, dass unsere Patienten zu jeder Zeit wissen, was warum passiert.“ Zum anderen erleichtere die Kommunikation in der Heimatsprache auch ein Stückweit den Aufenthalt in der Fremde, „es ist zumindest ein bisschen wie zuhause“.

„Es geht auch darum, irgendwie ein normales Leben zu führen“

Überhaupt: Es wird viel gelacht in diesem Team, viel gelächelt. Christian Bestek wirft auf dem Weg ins Büro schnell noch einem Kind einen Luftballon zu, macht einen Scherz, lächelt. „Interaktionen mit den Patienten“, sagt er, seien entscheidend für deren Befinden. „Wir gehen deshalb aktiv auf die Leute zu, helfen mit Freizeit- oder Hoteltipps weiter oder erklären ihnen den U-Bahn-Fahrplan.“ Oder, um es mit Höing zu sagen: „Unsere Patienten sind schwerstkrank, ganz sicher. Aber wir wollen ihnen nicht nur diesen Eindruck vermitteln. Für uns ist eine gelöste, positive Stimmung wirklich sehr wichtig.“ Gerade, weil ein relativ langer Zeitraum von sechs Wochen „überbrückt“ werden müsse. Nagel: „Es geht auch darum, in dieser Zeit irgendwie ein ganz normales Leben zu führen, mit allem, was dazu gehört.“ Mit Ausflügen in die Region, Eis essen, Friseurbesuchen, Shopping. „Und es ist einfach schön, zu erkennen, dass einem ein neuer Patient vertraut, weil er sich erkundigt, wo er denn in der Nähe günstig einkaufen kann.“ Und doch sei es genauso wichtig, so Jürgen Höing, „dass wir sofort auf die professionelle Ebene umschalten können, wenn es geboten ist. Wir bemühen uns um die richtige Balance zwischen Ernsthaftigkeit und guter Laune“.

Eine Einstellung, die auf Akzeptanz stößt: „Die Menschen gehen wieder nach Hause und sagen, ,Es war schön bei euch‘. Das ist wunderbar und doch irgendwie komisch, denn jeder Strahlenpatient ist froh, wenn er die sechs Wochen geschafft hat. Und doch merken wir, dass wir den Patienten irgendwie ans Herz wachsen“, resümiert Birgit Haake. Gleiches gelte auch umgekehrt. Natascha Ghandour: „Auch viele Erwachsene wollen zum Abschied die Glocke im Foyer läuten. Und ihnen ist wichtig, dass wir dabei sind. Das ist immer eine sehr emotionale Sache. Auch für uns. Manchmal müssen wir uns sogar gegenseitig ein wenig trösten.“ Eine Einstellung, die, so Bestek, im Klinikalltag längst nicht mehr selbstverständlich sei. „Ich habe jetzt 25 Jahre Berufserfahrung. Vieles, was hier am WPE möglich ist – Miteinander, Menschlichkeit ­– geht in den meisten Institutionen heute unter. Hier sollen die Patienten für sechs Wochen, neben der professionellen Therapie, ein Zuhause finden, sich gut aufgehoben fühlen. Bei uns geht es nicht um anonyme Fälle, sondern um Menschen mit einer Geschichte.“

Diese durchweg positive Einstellung zum eigenen Beruf, da sind sich auch Haake und Nagel einig, sei das Ergebnis eines „grundsätzlichen Systems an Wertschätzung und Respekt“, das von der WPE-Führungsebene bewusst gefördert werde: „Dieser freundliche, menschliche Umgang miteinander gilt für alle Bereiche; gilt für Ärzte, Chefärzte, MTRA‘s, Physiker, Case Manager, einfach für alle.“ Ein Miteinander, das gerade auch in eigenen schwierigen Situationen entscheidend sei. Jürgen Höing: „Manchmal kommt es vor, dass mir bei Durchsicht einer Akte plötzlich die Worte ,Patient verstorben‘ vom Bildschirm entgegenstarren. Ich bin dann manchmal einen Moment richtig fassungslos und muss erst einmal mit den Kollegen darüber reden.“ Zu wissen, dass dieses gewisse Maß an Verletzlichkeit im professionellen Alltag möglich sei, helfe enorm. Ebenso wie die Wertschätzung der Patienten selbst, die sich spontan zu emotionalen Violinkonzerten entschlössen oder Torten in Form von Bestrahlungsmasken backten. Yvonne Nagel: „Einer unserer kleinen Patienten hat zum Abschied jedem von uns eine Rose gebracht. Er hat sie hinter seinem Rücken versteckt, aber die waren so lang, dass sie hinter ihm hochschauten – dieses wunderbare Bild werde ich mein Leben lang nie wieder vergessen.“