Einmal wöchentlich schauen Klinikclowns im WPE vorbei – zur Freude vor allem der jungen Patienten und ihrer Eltern.

Ein kleiner Moment Auszeit

Um gerade Kindern den Therapie- und Bestrahlungsverlauf möglichst zu erleichtern, setzt das WPE seit diesem Jahr auf ungewöhnliche Maßnahmen – beispielsweise einen virtuellen Spielplatz und eine Clownsvisite. Nico Sterr und Nicole Stember vom Psychosozialen Dienst des WPE erläutern im Interview die Zusammenhänge.

Herr Sterr, die jungen Patienten kommen durchschnittlich sechs Wochen täglich zur Behandlung ins WPE. Warum ist es so wichtig, gerade Kinder während der Wartezeiten, aber auch im Rahmen der Therapie zu beschäftigen bzw. abzulenken?
Kinder leben im Gegensatz zu uns Erwachsenen viel mehr im Moment. Das hat zur Folge, dass sie nicht wie wir Erwachsenen rationalisieren. Wir denken „Die Wartezeit und das Still-Liegen werde ich jetzt aushalten für das langfristige Ziel der erfolgreichen Bestrahlung“. Für Kinder hingegen zählt im jeweiligen Moment, ob sie zum Beispiel Ängste haben oder sich sicher fühlen, dazu Empfindungen wie Hunger und Müdigkeit sowie die Antizipation von Schmerz. Glücklicherweise führt dies auch dazu, dass man Kinder durch spielerische Elemente viel schneller aus negativen Stimmungen herausholen kann. Deshalb bemühen wir uns, insgesamt für die Kinder ein Ort zu sein, der mit positiven Inhalten assoziiert ist – mit Spielen statt Langeweile, mit freundlicher Bestärkung statt Angst. So können wir dafür sorgen, dass die Kinder mit uns auch gut zusammenarbeiten.

Besonders außergewöhnlich ist der neue virtuelle Spielplatz. Hier werden Bewegungsspiele wie Eishockey, Fußball, Tennis, aber auch eine Klaviertastatur auf den Boden des Wartebereichs projiziert. Diese können dann mit den Füßen gesteuert werden. Wie wichtig ist Bewegung für die oft schwerkranken kleinen Patienten?
Bewegung ist durchaus wichtig für das Wohlbefinden unserer Patienten, bei den Kindern aber natürlich besonders. Gerade wenn sie schon so viel Zeit in Krankenhäusern verbringen müssen, in Behandlungs- und Wartezimmern, schafft die Bewegung einen Ausgleich, der positive Emotionen hervorruft und die Bewältigung der Krankheit fördert. Dass die Körperbewegungen auf dem virtuellen Spielplatz Einfluss auf das Spiel haben, zieht auch schon kleine Kinder geradezu an, die dann Blumen durch die Gegend schieben, Bonbons auffangen oder Töne klimpern. Man kann auch beobachten, wie Kinder sich auf der Spielfläche kennenlernen und Kontakt knüpfen.


Der neue virtuelle Spielplatz am WPE konnte dank einer privaten Spende realisiert werden. Der Lehrer und Stand-up-Paddler Jörn Schulz hatte im Sommer dieses Jahres mit seiner Initiative „BE STRONG FOR KIDS“, die sportliche Aktionen mit einem guten Zweck verbindet, über 13.200 Euro an die Stiftung Universitätsmedizin gespendet. Auch das Projekt „Clownsvisite“ wird von der Stiftung finanziert.
www.universitaetsmedizin.de
www.bestrongforkids.de


Frau Stember, zielt das Projekt „Clownsvisite“, das im Juli am WPE gestartet ist, in dieselbe Richtung? Und was erwartet die Kinder dabei genau?
Seit diesem Sommer kommen die Clowns jeden Mittwochvormittag ins WPE. Neben ihrer roten Clownsnase, bunten Luftballons und weiteren lustigen Accessoires haben sie Jux, Spaß und eine Prise Unbeschwertheit im Gepäck. Sie tun eben das, was Clowns am besten können: Sie bringen die kleinen (und auch großen) Patienten zum Schmunzeln, albern mit ihnen herum und zeigen ihnen verblüffende Tricks. Lachen ist nun einmal eine wirkungsvolle Medizin. Zu oft dreht sich in der akuten Behandlungsphase alles um die Erkrankung und die Therapien. Tauchen die Clowns auf, verschwindet für viele Kinder die Krankheit und die Behandlung kurzfristig aus ihrem Bewusstsein. Die Kinder werden motiviert, spielerisch neue Dinge auszuprobieren, sie werden selbst aktiv, sind abgelenkt, teils verblüfft. Auch die Eltern freuen sich über das Angebot, immerhin verbringen viele von ihnen über mehrere Wochen den kompletten Tag mit ihren Kindern, wobei oftmals die Sorge und die Angst um das eigene Kind vorherrschen. Für sie ist es schön zu sehen, wenn die Kinder Spaß haben und sie sich einen kleinen Moment zurücklehnen dürfen. Und es gibt noch einen wichtigen Punkt: die Sprache der Clowns ist universell und findet Zugang – unabhängig von Alter, Sprache und Geschlecht. Sie ist bunt, ebenso wie unsere Patienten, die aus aller Welt zu uns zur Behandlung kommen.  

Die jungen Patienten des WPE müssen nicht nur ihre Krankheit und die Therapie bewältigen. Viele sind auch für einen längeren Zeitraum –wenn auch in Begleitung- von zuhause fort, umgeben von unbekannten Menschen, die mitunter nicht einmal die eigene Sprache sprechen. Herr Sterr: Welche Möglichkeiten gibt es hier, den Kindern die Umstellung zu erleichtern? Seit Anfang dieses Jahres kooperiert das WPE ja beispielsweise mit dem National Health Service (NHS) England und hat seitdem rund 50 Patienten aus Großbritannien behandelt.
Das stimmt, aktuell nehmen wir viele Patienten aus England auf. Übrigens ist das nicht nur für die Kinder aufregend; auch die Eltern sind öfter mal nervös, wenn sie die Modalitäten des Alltags hier vor Ort nicht kennen, zum Beispiel den Nahverkehr, Einkaufsmöglichkeiten und so weiter. Engagierte, britische Eltern haben daher auch eine Facebook-Gruppe aufgebaut, in denen sich Familien, die schon bei uns waren, mit denen austauschen, die zu uns kommen werden. Durch den freiwilligen Einsatz werden so im Vorfeld schon viele Unsicherheiten abgebaut, dazu werden Tipps zur Freizeitgestaltung vor Ort gegeben. Wenn die Familien dann bei uns sind, steht für die Kinder ein Spiel zum Kennenlernen des WPE und zum Aneignen einiger deutscher Wörter und Ausdrücke zur Verfügung. Konzipiert wurde das Spiel von einer Abiturientin, die bei uns ein Praktikum gemacht hat. Den Kindern soll dabei das Bewusstsein für die deutsche Sprache nahgebracht werden und gleichzeitig können sie das zu dem Zeitpunkt unbekannte WPE spielerisch entdecken. Der Ablauf sieht folgendermaßen aus: es gibt sowohl Karten mit Deutsch/Englisch als auch mit Englisch/Deutsch-Übersetzungen und hier jeweils zwei Schwierigkeitslevel. Die Karten sind nummeriert, sodass das Ziel darin besteht, eine Reihe sukzessiv zu durchlaufen. Auf jeder Karte gibt es eine Übersetzung, beispielsweise English: „What time is it?“ Die deutsche Lösung soll dann eingetragen werden; das Ambulanz-Team hilft beim Beantworten auch gerne weiter. Dazu gibt es – für alle Patienten – noch eine „Challenge“, die auf das Erkunden des WPE abzielt, zum Beispiel die Frage „How many seats are in the waiting area at the main level?“. Wer es schafft, eine Reihe zu durchlaufen, darf sich über eine personalisierte Urkunde freuen.

Dipl.-Sozialpädagogin Nicole Stember und der Psychologe Nico Sterr verantworten den Bereich „Psychosoziale Begleitung“ am WPE und stehen sowohl erwachsenen Patientinnen und Patienten als auch Kindern als Ansprechpartner zur Verfügung.
Dipl.-Sozialpädagogin Nicole Stember und der Psychologe Nico Sterr verantworten den Bereich „Psychosoziale Begleitung“ am WPE und stehen sowohl erwachsenen Patientinnen und Patienten als auch Kindern als Ansprechpartner zur Verfügung.

 

Bilder in der Fotostrecke:
Klinikclowns mit junger britischer Patientin.
Ein junger Patient wird während seiner Wartezeit von einem Klinikclown unterhalten.
Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Universitätsmedizin Essen, Prof. Dr. med. Beate Timmermann, Direktorin des WPE, und Jörn Schulz (v.l.n.r.).