Prof. Dr. med. Beate Timmermann im Gespräch mit dem elfjährigen Fynn, dem 1000. Kind am WPE.

Eine einmalige Expertise: Das kinderonkologische strahlentherapeutische Programm am WPE ist das größte seiner Art in Deutschland – 1000. Kind behandelt

Deutschlandweit erkranken jährlich etwa 1.800 Kinder an Krebs. Etwa die Hälfte davon erhält eine Strahlentherapie. Insbesondere konformale Techniken wie die Protonentherapie werden bei Tumorerkrankungen im Kindesalter dabei immer wichtiger. Mit seinem kinderonkologischen Programm – dem größten seiner Art in Deutschland – verfügt das WPE über eine herausragende Expertise auf diesem Feld. Knapp sechs Jahre nach Eröffnung des Zentrums wurde nun das 1000. Kind behandelt.

Die Strahlentherapie ist, neben der Operation und Chemotherapie, mittlerweile fest in den Therapiekonzepten der Studienprotokolle der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) verankert. Nicht zuletzt, weil die modernen Möglichkeiten heute sowohl wesentlich effektiver als auch wesentlich verträglicher sind als früher. Zusehends mehr Bedeutung erfährt in dieser Entwicklung die Protonentherapie, dank derer Tumoren besonders präzise bestrahlt werden können, während empfindliche Nachbarstrukturen gleichzeitig geschont werden. Ein enormer Vorteil, denn gerade bei Kindern ist das noch unreife, gesunde Gewebe besonders anfällig für strahleninduzierte Nebenwirkungen. „Kinder sind insgesamt sehr strahlenempfindlich, da sie sich im Wachstum befinden. Je jünger die Kinder sind, umso größer ist das Risiko einer Beeinträchtigung der normalen Entwicklung“, sagt Prof. Dr. med. Beate Timmermann, Direktorin der Klinik für Partikeltherapie und Ärztliche Leiterin des WPE, und ergänzt: „Das Auftreten chronischer Therapiefolgen kann die Lebensqualität der Kinder und späteren Erwachsenen beeinträchtigen und sollte deshalb bereits bei der Entscheidung des Therapiekonzeptes und der Strahlentherapieplanung berücksichtigt werden.“

Erste Erfahrungen zeigen, dass gerade die Präzision der Protonen die Gefahr für strahleninduzierte Zweittumoren potenziell reduziert. Tatsächlich kann die Strahlenbelastung des normalen Gewebes mit Protonen im Vergleich zur herkömmlichen Bestrahlung mit Photonen relevant reduziert werden. Prof. Timmermann: „Mittlerweile wurde die Protonentherapie deshalb im Bereich kindlicher Tumoren bei verschiedenen Indikationen als Standard in die Therapie-Protokolle aufgenommen.“ Grundsätzlich erfordert die Protonentherapie jedoch ein hohes Maß an Expertise – die das WPE als eines von bundesweit nur sechs Zentren mit seinem kinderonkologischen Programm von internationalem Renommee bieten kann. „Wir erhalten aktuell Zuweisungen aus ganz Europa und aus vielen Orten, in denen es keine spezialisierten Therapiezentren gibt.“

Knapp sechs Jahre nach Eröffnung wurden bis August dieses Jahres insgesamt 1.024 Kinder im WPE behandelt. Die vorherrschenden Diagnosen: Tumoren des Zentralen Nervensystems (ZNS) – die prinzipiell zweithäufigste Krebserkrankung im Kindesalter – sowie Knochen- bzw. Weichteilsarkome. Der elfjährige Fynn, das 1000. Kind, das seine Behandlung am WPE aufgenommen hat, leidet an einem Hirntumor. Diese werden oft in der Nähe kritischer Strukturen wie Hirnstamm, Hör- und Sehnerven diagnostiziert, deshalb hat sich hier eine präzise Dosisverteilung bewährt, wie sie die Protonentherapie möglich macht. „Während noch vor 20 Jahren fast alle Kinder mit Hirntumoren nahezu identisch intensive Bestrahlungskonzepte erhielten, wird heutzutage in den meisten Fällen nur noch die primäre Tumorregion bestrahlt und nicht mehr das gesamte ZNS, was das Risiko einer Schädigung des sich entwickelnden Hirngewebes reduziert.“, so Prof. Timmermann. Bei einer Protonentherapie werden – anders als bei der konventionellen Photonentherapie – nicht hochenergetische elektromagnetische Wellen, sondern geladene Wasserstoff-Ionen (Protonen) eingesetzt, die präzise in der Körpertiefe steuerbar sind. Sie dringen zunächst in das Gewebe ein und geben dann ihre größte Wirkung unmittelbar im Tumor ab. Umliegende Strukturen und Organe werden also bestmöglich geschont.

Präzision, die gerade im Bereich der kinderonkologischen Therapie besondere Aufmerksamkeit und Erfahrung notwendig macht: „Das jüngste Kind, das aktuell am WPE behandelt wurde, war gerade einmal neun Monate alt. Das erfordert ein hochspezialisierte Arbeitsgruppe und viele Fachexperten, die hier am Campus zur Verfügung stehen: Kinderonkologen, Neurochirurgen, Urologen, Endokrinologen, Augenärzte und viele mehr. Und: Bei so jungen Patienten täglich die notwendige Bestrahlungsposition exakt einzuhalten, ist eine enorme Herausforderung. Hier profitiert das WPE von einem erfahrenen, hochmotivierten Team und der Kooperation mit Spezialisten auch aus dem Bereich der Anästhesie, die uns bei der Behandlung von Kindern in etwas mehr als der Hälfte aller Fälle unterstützen.“ Eine einmalige Expertise, an der mittlerweile auch zahlreiche andere Experten teilhaben: „Am WPE hospitieren regelmäßig Ärzte, MTRA und Physiker aus ganz Europa. Das macht uns stolz und bestätigt uns in unserer Arbeit. Noch wichtiger für uns ist jedoch die Tatsache, dass wir in den vergangenen sechs Jahren gemeinsam mehr als 1000 Kinder in ihrem Kampf gegen Krebs unterstützen konnten.“