Ein ehemaliger Prostata-Patient in einer der Gantrys.

Eine exzellente Alternative: Protonentherapie bei Prostatakrebs

Prostatakrebs ist, mit allein 61.000 Neuerkrankungen in Deutschland, nach wie vor die häufigste Krebserkrankung des Mannes. Neben einer Operation haben sich mittlerweile verschiedene weitere Behandlungsformen etabliert, darunter zusehends häufiger auch die Protonentherapie. Diese punktet nicht nur mit Präzision, sondern vor allem mit bestmöglicher Schonung sensibler Organe und Körperregionen. Das WPE ist Teil des Prostatazentrums am WTZ  und hat aktuell eine Studie gestartet, die mittelfristig eine Verkürzung der Behandlungszeit bei gleicher Wirksamkeit der Therapie möglich macht.

Für aggressive Prostatatumoren haben sich in der Vergangenheit neben der Operation die klassische, perkutane Strahlentherapie mit Photonen sowie die Brachytherapie, bei der eine Strahlenquelle in die Prostata eingebracht wird, als gleichwertige Alternativen bewährt. Da wie dort gilt: Die Heilungschancen sind umso größer, je höher die individuelle Strahlendosis ausfällt. „Zugleich erhöht sich jedoch auch das Risiko für das Auftreten von Nebenwirkungen, gerade weil eine besonders sensible Körperregion bestrahlt werden muss“, sagt Dr. med. Dirk Geismar, Facharzt für Strahlentherapie und Oberarzt in der Klinik für Partikeltherapie am WPE. So liegen in direkter Nachbarschaft der Prostata gleich zwei wichtige Organe: der Enddarm und die Blase. Zudem wird auch die Harnröhre zwangsläufig mitbestrahlt. „Und nicht zuletzt ist die Prostata ein Organ, das von Tag zu Tag etwas anders liegen kann.“ Die Protonentherapie biete deshalb gleich in mehrfacher Hinsicht eine optimale Alternative: „Schließlich handelt es sich um eine extrem zielgenaue Therapie, die eine präzise Bestrahlung des Tumorgebietes unter bestmöglicher Schonung der umliegenden Organe gestattet.“


Am WPE kommt bei der Behandlung von Prostatakarzinomen die so genannte Pencil Beam Scanning Methode (PBS) zum Einsatz. In Verbindung mit einem hochmodernen Therapieplanungssystem wird die Intensitätsmodulierte Protonentherapie (IMPT) routinemäßig eingesetzt. Die Verfügbarkeit der IMPT ermöglicht zudem einen Simultaneous Integrated Boost (SIB) – also eine gleichzeitige Boostbestrahlung. Mittels dieser Technik kann man die Bestrahlungsdosis im Bereich der Prostata weiter erhöhen, bei verbesserter Schonung des Normalgewebes. Zur genauen Lokalisation des Tumors werden außerdem Goldmarker implantiert, um die natürliche Bewegung der Prostata nachvollziehen zu können. Zudem­ können so genannte Gel-Spacer eingesetzt werden, um die Darmwand zusätzlich zu schonen. Die jeweilige Applikation erfolgt in enger Zusammenarbeit mit der Klinik für Urologie des Universitätsklinikums Essen (UKE).


Während Photonen die größte Wirkung einige Zentimeter unterhalb der Hautoberfläche zeigen und sich exponentiell in der Tiefe abschwächen, können Protonen tiefer in den Körper eindringen und sich dort zielgenau stoppen lassen und deponieren die eigentliche Energie dann erst im Zielvolumen, also im Tumor selbst. Auf dem Weg dahin wiederum geben sie nur wenig Energie an das gesunde Gewebe ab. „Mit Protonen können wir die für die Therapie eines Prostatakarzinoms empfohlenen hohen Dosen folglich unmittelbar in das Behandlungsvolumen bringen – und das bei einer deutlich geringeren Belastung der Umgebung im Vergleich zur herkömmlichen Strahlentherapie. Bei gleichem Behandlungsergebnis hat die Protonentherapie also vermutlich weniger Nebenwirkungen.“ Allerdings gibt es bislang keine vergleichenden Studien, die diesen Vorteil der Protonen auch wissenschaftlich nachweisen. „Deshalb werden am WPE alle Patienten in Registerstudien geführt, und die ersten Ergebnisse zeigen eine gute Verträglichkeit der Therapie mit wenigen Nebenwirkungen.“

Studie zur moderat hypofraktionierten Bestrahlung

Aktuell begonnen hat zudem eine Studie zur moderat hypofraktionierten Bestrahlung. Deren Ziel: eine Verkürzung der Behandlungszeiten von derzeit acht auf etwa vier Wochen. Dr. Geismar: „Durch eine höhere Einzeldosis steigern wir die Wirksamkeit jeder einzelnen Bestrahlung. Statt wie bisher zwei Gray (Gy) je Protonenbestrahlung in 39 Sitzungen, werden im Rahmen der Studie in 20 Sitzungen je drei Gy appliziert. Bei angenommener gleicher Wirksamkeit und unverändertem Nebenwirkungsprofil bedeutet dies ein deutliches Plus an Lebensqualität für die betroffenen Patienten, da sich so die Behandlungsdauer halbiert.“

Kooperation mit dem Prostatazentrum des Westdeutschen Tumorzentrums

Das WPE ist Teil des Prostatazentrums des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ) am Universitätsklinikum Essen, einem der führenden Onkologischen Spitzenzentren Deutschlands. Das WPE ist im Tumorboard für Urogenitale Tumoren vertreten; hier legt ein interdisziplinär besetztes Team gemeinsam Therapiestrategien für betroffene Patienten fest. Beteiligt sind neben der Klinik für Urologie die Innere Klinik (Tumorforschung), die Klinik für Partikeltherapie/WPE, die Klinik für Strahlentherapie, das Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie sowie das Institut für Pathologie und Neuropathologie. Prof. Dr. Boris Hadaschik, Direktor der Klinik für Urologie: „Wir beraten grundsätzlich jeden Patienten individuell und entwickeln gemeinsam und auf Grundlage der Diagnose die jeweils beste Behandlungsstrategie.“ Das Prostatazentrum, das nach Onkozert zertifiziert und in das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) eingebunden ist, biete Patienten mit Prostatatumoren dabei das „komplette Portfolio moderner Therapieoptionen“ und mache darüber hinaus etwa auch MRT-Fusionsbiopsien, PSMA-Hybridbildgebung und daVinci-Prostatektomien möglich.

Behandlungsmöglichkeiten am WPE

Wann aber kann eine Protonentherapie am WPE bei Prostatakrebs überhaupt zum Einsatz kommen? Entscheidend, so Dr. Geismar, „ist das Vorliegen einer lokalisierten bzw. lokoregionären Erkrankung“; der Krebs ist also auf die Prostata und die unmittelbare Umgebung begrenzt und hat noch nicht in die Ferne gestreut. „Zudem bedarf es eines Gleason-Scores ab sieben oder/und eines PSA-Wertes, der größer als zehn, jedoch geringer als 50 Nanogramm pro Milliliter ist. In diesen Fällen übernehmen auch die meisten Krankenkassen die Kosten der Therapie.“ Der so genannte Gleason-Score bestimmt auf einer Skala von zwei bis zehn die Bösartigkeit des Karzinoms; das Prostata-spezifische Antigen (PSA) wiederum kommt zwar auch bei gesunden Männern vor, eignet sich aber außerdem als Tumormarker. Am WPE können auch Patienten behandelt werden, bei denen der Lymphabfluss im Becken, etwa bei befallenen Lymphknoten, mitbestrahlt werden muss; in diesen Fällen auch unter gezielter Erhöhung der Dosis im Bereich der befallenen Lymphknoten.

Dr. Dirk Geismar ist Oberarzt und Facharzt für Strahlentherapie am WPE mit Fachkunde für Partikeltherapie. Er studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, absolvierte seine Facharztweiterbildung zum Facharzt für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Göttingen und der Charité in Berlin. Im Rahmen seiner Tätigkeiten beschäftigte er sich insbesondere mit neuen hochpräzisen Strahlentherapie-Techniken (IMRT, Schädelradiochirurgie, stereotaktische Radiotherapie, Partikeltherapie). Seit 2008 begleitet er den Aufbau und die Inbetriebnahme des Westdeutschen Protonentherapiezentrums Essen. Sein Arbeits- und Forschungsschwerpunkt liegt in der Behandlung von Hirntumoren, Prostatakrebs, pädiatrischen Tumorerkrankungen, sowie Knochen- und Weichteilsarkomen. Dr. Geismar ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO), der European Society for Radiotherapy & Oncology (ESTRO) und der Particle Therapy Co-Operative Group (PTCOG).