Prof. Nikolaos Bechrakis, Direktor der Augenklinik, und Prof. Beate Timmermann, Direktorin der Klinik für Partikeltherapie am WPE.

Erster Patient mit Aderhautmelanom am WPE behandelt – Klinik für Augenheilkunde und Westdeutsches Protonentherapiezentrum an der Universitätsmedizin Essen jetzt mit weltweit einzigartigem Leistungsangebot

Anfang November hat die Klinik für Partikeltherapie am WPE in Zusammenarbeit mit der Augenklinik den ersten Augenpatienten mit einem Aderhautmelanom behandelt. Damit sind nun zugleich alle fünf Behandlungsplätze des WPE in Betrieb. „Die Einführung der Protonentherapie an der Universitätsmedizin Essen in der Behandlung von bösartigen Augentumoren Erwachsener ist ein weiterer wichtiger Meilenstein für das WPE und die Augenklinik und erweitert das Behandlungsspektrum wesentlich“, sagt Prof. Dr. Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen (UME). Tatsächlich bietet die Klinik für Augenheilkunde ihren Patientinnen und Patienten damit als weltweit einziges Tumorzentrum für Augentumoren künftig sämtliche derzeit zur Verfügung stehenden Behandlungsmodalitäten an. Im Interview erläutern Prof. Dr. Beate Timmermann, Direktorin der Klinik für Partikeltherapie, und Prof. Dr. Dr. h.c. Nikolaos Bechrakis, Direktor der Klinik für Augenheilkunde, die Hintergründe.

Was sind Aderhautmelanome und wer ist in der Regel davon betroffen?
Prof. Dr. Bechrakis:  Aderhautmelanome sind relativ selten. Wir verzeichnen in Deutschland rund 500 bis 600 Neuerkrankungen jährlich, betroffen sind meist Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 50 und 60 Jahren. Uveale Melanome entwickeln sich aus pigmentierten Zellen der Ader­haut, die sich unkontrolliert vermehren. Sie gehören zur Gruppe jener wenigen Tumoren, die tatsächlich unmittelbar im Auge entstehen. Sie unterscheiden sich also von Metastasen im Auge, die ihren Ursprung in bösartigen Tumoren an anderen Stellen im Körper haben.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Prof. Dr. Bechrakis: Neben einer Operation, bei der allerdings gegebenenfalls das Auge entfernt werden müsste – ein Schritt, den wir in der Regel zu vermeiden suchen –, besteht die Möglichkeit, Aderhautmelanome zu bestrahlen. Dies geschieht entweder über eine lokale Kontaktbehandlung, die sogenannte Brachytherapie oder mit einer Protonentherapie. Zu gut 90 Prozent können wir über eine Bestrahlung langfristig das Auge erhalten. Bei der Mehrheit kann auch die Sehkraft erhalten werden. Tatsächlich ist jede Therapie abhängig vom Einzelfall. Sicher ist nur: Bleiben Augentumoren unbehandelt, gefährdet das nicht nur das Sehvermögen der Patientinnen und Patienten, sondern ist unter Umständen langfristig auch lebensbedrohlich. Welche Therapie jeweils angezeigt ist, ermitteln wir im Rahmen einer interdisziplinären Diskussion, die wir natürlich auch mit den Kolleginnen und Kollegen des WPE führen.

Prof. Dr. Beate Timmermann: Tatsächlich wird die Protonentherapie (PT) seit mehr als vier Jahrzehnten sehr erfolgreich zur Behandlung des Aderhautmelanoms eingesetzt, bei vielen Patientinnen und Patienten konnten über eine PT hervorragende Ergebnisse erzielt werden. Allerdings sind gerade hier spezifisches Fachwissen, viel Erfahrung und größte Sorgfalt vonnöten, denn das Ziel besteht einerseits in der lokalen Tumorkontrolle und andererseits darin, das Auge und eine gute Sehkraft zu erhalten. Bislang ist eine PT bei uvealen Melanomen daher weltweit nur an wenigen Orten möglich. In Deutschland bisher nur in Berlin. Mit der Inbetriebnahme unseres Augentherapieplatzes konnten wir jetzt nicht nur das Spektrum des WPE erweitern, sondern auch das Angebot der Klinik für Augenheilkunde auf dem Campus der Universitätsmedizin Essen.

Was bedeutet das genau für Patientinnen und Patienten mit der Diagnose Aderhautmelanom?
Prof. Dr. Bechrakis: Durch das neue Angebot am WPE bietet die Universitätsmedizin Essen nun das gesamte Spektrum an Therapiemöglichkeiten bei der Behandlung unterschiedlicher Tumoren des Auges. Und das sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Bislang haben wir die Protonentherapie beim Aderhautmelanom immer in Kooperation extern an einem Zentrum in Frankreich oder der Schweiz durchführen lassen müssen. Nachdem dies bereits für unsere kleinen Patienten möglich war, ist es nun auch für unsere erwachsenen Patientinnen und Patienten von großem Vorteil zu wissen, dass wir ihnen maßgeschneidert, individualisiert und interdisziplinär jede weltweit vorhandene sinnvolle Therapie höchst kompetent in Essen direkt vor Ort an unserem Campus der UME anbieten können.

Wie genau ist das WPE ab sofort technisch aufgestellt?
Prof. Dr. Beate Timmermann: Das WPE hat sich in den vergangenen acht Jahren zu einem der führenden Zentren bei der Behandlung von ZNS-Tumoren und Sarkomen entwickelt. Unser kinderonkologisches Strahlentherapieangebot ist zudem weltweit einzigartig. Dafür haben wir zwischen 2013 und 2016 insgesamt vier Behandlungsräume in Betrieb genommen, drei davon mit 360-Grad-drehbaren Gantries. Der fünfte Therapieplatz wurde speziell für die Behandlung von Augenpatientinnen und -patienten erweitert – eine Herausforderung, bei der Ärztinnen und Ärzte, Physiker und MTRA von uns und der Augenklinik sehr eng zusammengearbeitet haben. Das Ergebnis ist ein Leistungsangebot, das seinesgleichen sucht und uns sehr stolz macht.


Kontaktdaten für Kliniken, Zuweiser oder Patienten

Klinik für Augenheilkunde der Universitätsmedizin Essen
Prof. Dr. Dr. h.c. Nikolaos E. Bechrakis
0201 72 32 900
https://augenklinik.uk-essen.de


Welche Möglichkeiten hat eine PT bei der Therapie von uvealen Melanomen?
Prof. Dr. Beate Timmermann: Die Protonentherapie hat sich seit Mitte der 1970er-Jahre zu einer der Standardtherapien bei Augentumoren etabliert und gilt mittlerweile als Goldstandard-Behandlung für okuläre Melanome. Dies resultiert aus den grundsätzlichen Vorteilen der PT, denn Protonen können sehr präzise und gut steuerbar unmittelbar auf das Tumorgewebe ausgerichtet werden und schonen zugleich das umliegende gesunde Gewebe. Auf diese Weise können wir das Risiko für akute Nebenwirkungen und Spätfolgen nach der Behandlung reduzieren, die beispielsweise die Sehfunktion oder das Auge gefährden können. Wir erreichen in der Regel aber nicht nur tatsächlich eine Tumorkontrolle, sondern zugleich den Erhalt des Auges und reduzieren die langfristige Gefahr einer Erblindung. Eine PT ist dabei insbesondere bei großen und in der Nähe des Sehnervs gelegenen Tumoren von Vorteil, weil die Möglichkeiten einer Brachytherapie hier recht eingeschränkt sind.

Gibt es Nebenwirkungen?
Prof. Dr. Beate Timmermann: Es können so genannte sekundäre Komplikationen auftreten, die teilweise weiterer Behandlungs­maßnahmen bedürfen. So können u.a. Linsentrübungen, erhöhter Augeninnendruck, Gefäßveränderungen oder eine Augentrockenheit entstehen, die schlimmstenfalls auch das Auge und die Sehkraft bedrohen. Glücklicherweise betrifft das aber die Minderheit der Patienten und ist individuell abhängig von Lage und Größe des Tumors.

Wie ist der genaue Ablauf, wie funktioniert eine Bestrahlung am neuen Augentherapieplatz?
Prof. Dr. Beate Timmermann: Wir arbeiten hier sehr eng mit der Klinik für Augenheilkunde zusammen. Dort werden zunächst metallische Clips im unmittelbaren Umfeld des Tumors angebracht, über die wir das Bestrahlungsfeld positionieren können. Auch werden wichtige Messungen, Funktionsparameter und Lagebeschreibungen des Tumors erstellt. Dann erfolgt eine äußerst sorgfältige, präzise Bestrahlungsplanung. Der Strahl selbst wird über ein Streufolienverfahren mit individuell gefertigten Kollimatoren appliziert, welche individuell für jeden Patienten angefertigt werden. Für die Patientenpositionierung gibt es einen beweglichen Stuhl mit einer Maskenhalterung. Das Auge wird während der Bestrahlung vom Patienten durch die Fixierung einer Lichtdiode in eine bestimmten Richtung positioniert. Die Behandlung erfolgt nach meistens 2 Vorbereitungsterminen üblicherweise an vier aufeinanderfolgenden Tagen. Bei jeder PT werden die korrekte Augenposition sowie die Position des Tumors jeweils exakt mithilfe von Röntgenaufnahmen und über Kameras kontrolliert.

Patientinnen und Patienten mit Augentumoren kommen aus ganz Deutschland, Europa und darüber hinaus ans WPE, das ist eine enorme Herausforderung…
Prof. Dr. Beate Timmermann: Wir sehen uns in einem großartigen Team für die Versorgung von Augenpatienten in jeder Weise gut gewappnet. Wichtig für die zukünftigen Patientengenerationen  wird sein, dass wir alle Daten prospektiv sammeln und wissenschaftlich auswerten, damit  wir eine Grundlage für die stetige Verbesserung der Behandlung bilden können.
Prof. Dr. Bechrakis: Ganz genau, nur auf diese Weise kann man besser auf die individuelle Tumorsituation mit einer optimalen Therapie eingehen und in der Zukunft noch weiter optimieren.