Die Checkliste zur täglichen Selbstbefragung hängt im WPE für Mitarbeitende aus und Patienten werden jeden Tag nach Symptomen einer COVID-Erkrankung befragt.

Größtmögliche Sicherheit für Patienten und Mitarbeitende

Die Corona-Pandemie hat auch die Gesundheitsversorgung in der Klinik für Partikeltherapie im WPE der Universitätsmedizin Essen auf den Prüfstand gestellt: In den vergangenen Wochen wurde eine Vielzahl an Maßnahmen getroffen, um die internen Abläufe anzupassen bzw. zu optimieren. Petra Reinders ist eine von drei Hygienebeauftragten am WPE und zudem als MTRA unmittelbar in der Patientenversorgung tätig. Sie berichtet im Interview über die Abstimmung der Hygienevorgaben und die geänderten Abläufe am Westdeutschen Protonentherapiezentrum der letzten Monate. Das übergeordnete Ziel der neuen Vorgaben: Größtmögliche Sicherheit für Patienten und Mitarbeitende.

Frau Reinders, die Universitätsmedizin Essen (UME) hat generell sehr hohe Hygienestandards, die jetzt noch einmal den geänderten Bedingungen angepasst wurden. Konnten diese strikteren Regeln der UME eins zu eins für das WPE übernommen werden?
Natürlich gelten auch bei uns allgemein sehr strenge Hygienevorschriften. In der Onkologie in besonderem Maße schon deswegen, weil einzelne Patienten immunsupprimiert sein können. Die neuen bzw. zusätzlichen Vorgaben, die die Universitätsmedizin Essen aufgrund der Corona-Pandemie entwickelt hat, beziehen sich jedoch vielfach auf eine stationäre oder eine kurze ambulante Versorgung und passten daher nicht immer ganz genau auf unsere Situation. Zudem haben wir deutlich mehr internationale Patienten als in anderen Bereichen, was auch besondere Berücksichtigung bei unseren Maßnahmen erforderte.

Was bedeutet das genau?
Im WPE werden fast alle Patientinnen und Patienten ambulant behandelt – aber mit jeweils vielen Behandlungen über einen Zeitraum von etwa sechs Wochen zuzüglich des Planungszeitraums vorab von etwa zwei Wochen. Eine stationäre Versorgung ist nur in Ausnahmefällen vorgesehen oder wenn zusätzlich eine Chemotherapie geplant ist. Dann werden die Patienten in der Kinderklinik oder im Westdeutschen Tumorzentrum der UME aufgenommen. Anders als im stationären Bereich haben unsere Patienten während ihrer Therapie also regelmäßige Kontakte nach außen, folglich besteht jeden Tag die Möglichkeit einer Neu-Infektion. Auf diese Situation mussten wir im Zuge der Pandemie auch im Hinblick auf unsere Hygienemaßnahmen reagieren. Zum Schutz der Menschen, die hier behandelt werden, aber auch unserer Mitarbeitenden. Denn nicht zuletzt könnten personelle Ausfälle auch bedeuten, dass wir unter Umständen unsere Patienten nicht mehr adäquat versorgen könnten.


Universitätsmedizin Essen
Zur Universitätsmedizin Essen gehören neben dem Universitätsklinikum Essen das Westdeutsche Protonentherapiezentrum, die Essener Ruhrlandklinik mit dem Westdeutschen Lungenzentrum, das St. Josef Krankenhaus Werden und die Herzchirurgie Huttrop.
www.ume.de


Fanden denn in den vergangenen Wochen überhaupt Behandlungen statt?
Der Patientenbetrieb wurde seit dem Corona-Ausbruch etwas reduziert, fand jedoch durchgängig unter strengen Auflagen statt. Vereinzelt wurden Behandlungsabläufe angepasst und werden weiterhin regelmäßig überprüft. Es wurde jedoch kein Patient abgewiesen, der eine Behandlung dringend benötigte. Einschränkungen gab es vor allem in der Aufnahme von Patienten aus anderen Ländern aufgrund von Einschränkungen der Reisemöglichkeiten und Quarantäneregelungen. Bei den deutschen Patienten waren deutlich weniger Veränderungen erkennbar.

Gibt es hinsichtlich der Hygienemaßnahmen am WPE Absprachen mit der Universitätsmedizin Essen?
Neben der Berücksichtigung der allgemeinen Vorgaben der UME zur Hygiene hat das Qualitätsmanagement der UME auch Begehungen durchgeführt, um zu prüfen, ob alle Vorgaben berücksichtigt werden. Spezielle Maßnahmen und Fragen wurden regelmäßig mit der zentralen Krankenhaushygiene der UME besprochen. Zudem wurden und werden alle Maßnahmen bei uns natürlich auch intern besprochen und interdisziplinär abgestimmt. Dazu nutzen wir unsere wöchentliche Leitungsrunde, damit alle Informationen und Bestimmungen direkt in alle Bereiche verteilt und kommuniziert werden konnten. Und natürlich sind hierbei auch die Direktorin der Klinik für Partikeltherapie und ärztliche Leiterin des WPE, Prof. Dr. Beate Timmermann, sowie die Verwaltung eingebunden. Und unterstützt werde ich übrigens auch durch weitere Hygienebeauftrage, aus der Ambulanz und aus dem ärztlichen Dienst.

Das WPE behandelt nicht nur Patienten aus Deutschland, sondern auch aus dem Ausland…
Das ist richtig. Zu Beginn im März durfte ja niemand mehr einreisen. Anschließend war es bei medizinischer Notwendigkeit möglich, allerdings mussten dann diese Patienten und ihre Angehörigen zunächst für zwei Wochen in Quarantäne. Keine leichte Zeit für die Familien und einiger organisatorischer Aufwand. Die Planung haben wir in dieser Zeit unter Isolationsbedingungen durchgeführt, die Therapie aber erst im Anschluss begonnen. Herausfordernd war es hierbei zum Beispiel, Transporte, Unterbringung und Essen sicherzustellen. Es gibt ja eine ständig aktualisierte Liste vom RKI, welche die Risikoländer definiert. Jetzt müssen nur noch Patienten aus diesen Ländern in Quarantäne. Das ist eine große Erleichterung, für Patienten aus weiterhin betroffenen Ländern nach wie vor anstrengend.

Werden bei den Patienten Tests auf das Coronavirus durchgeführt?
Bisher werden nur dann Testungen anberaumt, wenn Symptome vorliegen. Da ein Testergebnis immer nur den Ist-Zustand abbildet, musste es unser Ziel sein, unabhängig von Testergebnissen hohe Hygiene- und Qualitätsstandards einzuhalten. Trotzdem haben wir aufgrund der deutschland- und weltweiten Lockerungen aktuell eingeführt, dass ausländische Patientinnen und Patienten einen Test vorweisen. Und auch bei Patienten aus Deutschland sollte nach Möglichkeit bei Erstvorstellung ein Testergebnis mitgebracht werden. Unabhängig davon und gerade, weil wir nicht immer im Blick haben können, wie die Entwicklung im Herkunftsland oder Heimatort ist, führen wir tägliche klinische Kontrollen durch, d.h. das medizinische Team überprüft täglich den Gesundheitszustand des Patienten. Auf Änderungen der Vorgaben durch die Politik reagieren wir zudem regelmäßig mit notwendigen Anpassungen.

Welche weiteren Vorkehrungen wurden getroffen?
Prinzipiell ist es nicht mehr möglich, das WPE unabgesprochen bzw. unangemeldet zu betreten. Darüber hinaus werden alle Patienten vor ihrem Erstbesuch telefonisch zu ihrem Allgemeinbefinden und zu Reiseaktivitäten befragt, erhalten vor Ort Informationen zu Hygiene- und Abstandsregeln und füllen ab ihrer Ankunft einmal wöchentlich einen gesundheitlichen Fragebogen aus. Alle Mitarbeitenden und Patienten tragen zudem immer mindestens einen Mund-Nasen-Schutz.

Wurde die Zahl der Patienten oder der Besucher eingeschränkt?
Unerwartete Besucher und Begleitpersonen sind nicht mehr erlaubt; bzw. letztere nur, wenn es dringend erforderlich ist. Bei Kindern wird in der Regel ein Erwachsener als Begleitung zugelassen. Über den Tag verteilt behandeln wir aktuell ca. 70 Patienten, dazu kommen immerhin ca. 40 Begleitpersonen. Früher kamen oft ganze Familien mit Geschwisterkindern ins WPE. Jetzt ist es also schon etwas ruhiger geworden. Über eine möglichst genaue Terminierung bemühen wir uns, Wartezeiten im Zentrum zu verkürzen. Auch haben wir die Wartebereiche weitläufiger verteilt als bislang und trennen hier Kinder und Erwachsene. Natürlich haben wir auch Isolierbereiche zur Verfügung für Verdachts- oder Infektionsfälle.

Haben die neuen Richtlinien auch Einfluss auf die Behandlung?
In Einzelfällen sind angepasste Behandlungskonzepte möglich. So kann beispielsweise im Rahmen der allgemeinen Standards die jeweilige Dosis pro Sitzung moderat erhöht werden, was insgesamt zu einer kürzeren Gesamttherapiedauer führt. Die Patienten sind also schneller wieder zu Hause bzw. in ihrem Heimatland. Allerdings weichen wir dabei nur sehr wenig von unseren bisherigen Standards ab.

Was geschieht im Verdachtsfall oder bei einem infizierten Patienten? Wird dieser trotzdem behandelt?
Stellt sich bei einem Patienten der Verdacht auf eine COVID-19 -Infektion ein, wird er umgehend isoliert. Der behandelnde Arzt informiert außerdem das Gesundheitsamt und die Zentrale Notaufnahme (ZNA-Nord) hier am Universitätsklinikum. Die Protonentherapie selbst wird unter strengen Sicherheitsvorkehrungen fortgesetzt. Dazu setzen wir nur solche Mitarbeitenden ein, die für die Versorgung von Covid-19-Patienten geschult wurden und mit kompletter Schutzkleidung – Atemschutzmaske, Schutzbrille, Einweghandschuhen und Schutzkittel – ausgerüstet sind. Auch findet die Bestrahlung erst am Ende des Tagesprogramms und immer wieder in derselben Gantry statt. Eine Unterbrechung der Therapie selbst erfolgt nicht – außer es lägen auch schwere Symptome vor, die eine Behandlung unmöglich machten.

Wie sehen Sie sich für eine mögliche „zweite Welle“ gewappnet?
Da wir über die ganze Zeit unsere Auflagen und Standards sehr hoch gehalten haben und diese auch immer an die aktuellen Entwicklungen anpassen, hoffen wir, nicht allzu starke Auswirkungen zu spüren. Eine Lockerung der Hygienemaßnahmen hat es bei uns im WPE ja bisher nie gegeben. Patienten, Angehörige und Mitarbeitende müssen sich weiterhin auf die hohen Auflagen einstellen, denn nur gemeinsam können wir eine Ausbreitung unter Patienten und Mitarbeitenden im WPE verhindern. Auch innerhalb des Teams rufen wir weiterhin zu großer Vorsicht auf, um Risiken zu minimieren. Insgesamt bleibt es auf alle Fälle sicher noch länger eine sehr herausfordernde und zugleich spannende Zeit für mich als Hygienebeauftragte am WPE!