Protonentherapieplan eines Neuroblastoms: Trotz des zentral gelegenen Tumors konnte eine beidseitige Schonung beider Nieren erreicht werden. Insbesondere bei jüngeren Patienten, größeren Tumoren und zentraler Lokalisation kann die Protonentherapie vorteilhaft sein.

Neuroblastome: Zwei Studien zur Durchführung der Strahlentherapie

Etwa 125 Kinder in Deutschland erkranken jährlich an einem Neuroblastom, einer bösartigen Erkrankung des sympathischen Nervensystems. Betroffen sind häufig sehr junge Kinder; die Diagnose erfolgt meist im zweiten Lebensjahr. Neben Operation, Chemotherapie, einschließlich Hochdosis-Chemotherapie, und Immuntherapie ist die Strahlentherapie ein fester Bestandteil des interdisziplinären Therapiekonzeptes. Allerdings gibt es bisher nur wenige und teilweise kontroverse Daten zum Einsatz der Radiotherapie. Als deutsches Referenzzentrum für Radiotherapie der Neuroblastome arbeitet die Klinik für Partikeltherapie am WPE daher im Rahmen zweier weitreichender Studien an der Ermittlung verlässlicher Daten und künftiger Leitlinien zur Sicherstellung hoher Tumorkontrollraten.

Zu welchem Zeitpunkt sollte die Bestrahlung erfolgen? Welche Dosis ist notwendig? Wie groß muss das Zielvolumen der Bestrahlung sein? „Die genaue Rolle und optimale Konzeptionierung der Strahlentherapie in der Behandlung von Neuroblastomen ist noch heute in vielen Teilen unklar, was dazu geführt hat, dass es international sehr unterschiedliche Ansätze und Studiengruppen gibt“, erläutert Prof. Dr. Beate Timmermann, Direktorin der Klinik für Partikeltherapie. Zudem sei die Radiotherapie in der Vergangenheit nicht regelmäßig eingesetzt worden, „selbst, wenn sie laut Protokoll vorgesehen war“. Dieses sei darauf zurückzuführen, dass man Sorge vor Spätfolgen der Behandlung gehabt habe: „Gerade bei der Behandlung von Kindern muss der mögliche Nutzen der Strahlentherapie immer genau gegenüber etwaigen strahlentherapieinduzierten Langzeitfolgen abgewogen werden.“ Anders gesagt: Es gilt, die optimale Balance zwischen Effektivität und Nebenwirkungsspektrum individuell auszuloten.

Gleich zwei Studien sollen nun die Definition künftiger Standards bei der Bestrahlung von Neuroblastomen vorantreiben: Im Rahmen der Studie „SIOPEN HRNBL2“ wird auf europäischer Ebene ein prospektives Qualitätssicherungsprogramm erarbeitet, in dem die Bestrahlungsplanungen für ganz Europa zentral geprüft werden sollen. Studie Nummer zwei – „Rolle der Radiotherapie beim Neuroblastom“ –  soll hingegen bereits vorhandene Daten retrospektiv auswerten. Prof. Timmermann: „Hierbei handelt es sich um eine Studie der ,Jungen DEGRO‘, einer Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie, in der sich Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus den Bereichen Medizin, Physik und Biologie zusammengeschlossen haben.“ In diesem Projekt arbeiten mehrere renommierte Strahlenabteilungen aus ganz Deutschland mit dem Referenzzentrum für Radiotherapie der Neuroblastome am WPE zusammen. Mit im Boot ist zudem die kinderonkologische Studienleitung des Deutschen Neuroblastomregisters und mehrerer früherer Therapiestudien am Universitätsklinikum Köln. „Dass unsere Studie von der DEGRO als eines von insgesamt nur zwei Projekten ausgewählt wurde, ist ein enormer Erfolg“, resümiert die Klinikdirektorin und fügt hinzu: „Diesen Erfolg und die gute Vernetzung verdanken wir nicht zuletzt unseren tollen, engagierten Nachwuchswissenschaftlern. Hier zahlt sich die Attraktivität des Protonentherapiezentrums und die Intensität unseres Aus- und Weiterbildungsprogrammes aus“.


Hochkarätige Expertise
Die Klinik für Partikeltherapie am Westdeutschen Protonentherapiezentrum (WPE) ist deutsches Referenzzentrum für Radiotherapie der Neuroblastome sowie Co-Chair der Neuroblastoma Group der International Society of Paedriatric Oncology (SIOP) und gibt strahlentherapeutische Empfehlungen für Patientinnen und Patienten in ganz Deutschland. Einmal wöchentlich werden aktuelle Fälle interdisziplinär mit den deutschen Studienzentralen am Universitätsklinikum Köln und an der Charité Berlin diskutiert. Am WPE wurden bisher 60 Patienten aufgrund eines Neuroblastoms bestrahlt.


Der verantwortliche Nachwuchswissenschaftler, Dr. Danny Jazmati, geht in seiner Einschätzung noch einen Schritt weiter: „Der Zusammenschluss von drei großen Partnern – der ,Jungen DEGRO‘, dem Referenzzentrum für Radiotherapie der Neuroblastome und der Neuroblastomstudienzentrale am Universitätsklinikum zu Köln – ermöglicht ein einzigartiges Projekt, in welchem die Strahlentherapie dezidiert ausgewertet werden kann. Wir können hierbei die Ergebnisse der bisherigen Strahlentherapien untersuchen und daraus wichtige Lehren für die Zukunft ziehen. Unser Ziel ist es, die Strahlenbelastung sehr junger Kinder zukünftig weiter zu reduzieren und die Tumorkontrollraten zu erhöhen.“ Konkret analysiert werden die Bestrahlungsdaten von Patienten aus den Neuroblastomstudien NB2004HR und NB97, die in der Studienzentrale des Universitätsklinikums Köln gesammelt wurden. „Zum einen soll das örtliche Verteilungsmuster der Rückfälle analysiert werden und mittels einer dosimetrischen Evaluation von Bestrahlungsplänen Zusammenhänge zwischen Dosisverteilung und Auftreten von Rückfällen identifiziert werden. Ferner ist eine retrospektive Qualitätssicherung der Bestrahlungspläne in Hinblick auf die Compliance der durchgeführten Strahlentherapie mit dem jeweils geltenden Protokoll vorgesehen. Natürlich streben wir dabei auch eine Analyse der Verträglichkeit der Strahlentherapie an.“

Auch auf europäischer Ebene spielt die Frage der optimalen Radiotherapie eine wichtige Rolle. Hier gilt es, sich bestmöglich auf die zukünftige Durchführung der Strahlentherapie im Rahmen der europäischen Studie SIOPEN HRNBL2 vorzubereiten. Federführend hat Essen in diesem Rahmen die „HRNBL Contouring and Planning Study“ initiiert. Dr. Jazmati: „Dafür wurden fünf verschiedene, exemplarische Szenarien von Neuroblastom-Erkrankungen an ein ausgewähltes Expertengremium der führenden europäischen Kinderstrahlentherapeutinnen und -therapeuten versandt. Die jeweiligen Konturen und Pläne werden zentral am WPE ausgewertet und anschließend europäisch konsentiert. Dies soll dann die Grundlage für die künftigen Richtlinien zur Konturierung, Planung und Qualitätskontrolle innerhalb von Europa bilden. Eine überaus spannende Herausforderung, die wir gerne annehmen. Hierbei hilft natürlich, dass wir europäisch so gut eingebunden und vernetzt sind – auch durch die vielen internationalen Patienten und Partner unseres Zentrums.“

Allgemeine Informationen zur Behandlung von pädiatrischen Tumoren im WPE finden Sie hier.