An der aktuellen Studie beteiligt sind v.l.n.r.: Prof. Dr. med. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie, Prof. Dr. med. Beate Timmermann, Direktorin der Klinik für Partikeltherapie und Ärztliche Leiterin des WPE, Prof. Dr. med. Martin Glas, Leiter der Abteilung Klinische Neuroonkologie (Klinik für Neurologie) und Leiter des Neuroonkologischen Zentrums am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) und Prof. Dr. med. Martin Stuschke, Direktor der Strahlenklinik des UK Essen.

Protonen versus Photonen – Start der GliProPh-Studie

Hirntumoren stellen die moderne Medizin vor enorme Herausforderungen. Denn ein Eingriff – gleich welcher Art – geht grundsätzlich mit dem Risiko einher, sensible Regionen unter Umständen dauerhaft zu schädigen. Als Standard bei der Behandlung von Gliomen hat sich mittlerweile eine neurochirurgische OP in Verbindung mit einer kombinierten Chemo- und Strahlentherapie etabliert; bei letzterer kommen entweder Photonen, aber auch immer häufiger Protonen zum Einsatz. Europaweit erstmalig soll nun im Rahmen einer Studie unter Federführung von Medizinern des Universitätsklinikums Essen (UK Essen) überprüft werden, welche Form der Strahlentherapie langfristig für die Patienten verträglicher ist.

Die Leitung der so genannten „GliProPh-Studie“ liegt in den Händen von Prof. Dr. med. Martin Glas, Leiter der Abteilung Klinische Neuroonkologie (Klinik für Neurologie) und Leiter des Neuroonkologischen Zentrums am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) des UK Essen, Prof. Dr. med. Beate Timmermann, Direktorin der Klinik für Partikeltherapie und Ärztliche Leiterin des WPE, sowie Prof. Dr. med. Martin Stuschke, Direktor der Strahlenklinik des UK Essen. An der Untersuchung beteiligt ist zukünftig außerdem das Universitätsklinikum Marburg, das ebenfalls über eine Protonentherapie-Anlage verfügt. „Für unsere Studie wollen wir insgesamt 80 Frauen und Männer gewinnen, bei denen niedrig bis mäßig bösartige Gliome diagnostiziert wurden“, berichtet Prof. Glas. „Besonders aggressive“ Tumoren wie etwa Glioblastome seien hingegen nicht Gegenstand der Untersuchung. „Die von uns ausgewählten Patientinnen und Patienten haben mit ihrer Erkrankung jeweils noch eine sehr gute Lebenserwartung von vielen Jahren. Alle werden operiert und erhalten zur Strahlen- jeweils auch noch eine Chemotherapie.“ Während die eine Hälfte der Teilnehmer intensitätsmoduliert mit Photonen bestrahlt wird, unterzieht sich die andere Hälfte einer Protonentherapie, „wobei wir grundsätzlich davon ausgehen, dass beide Verfahren gleich wirksam sind“.

Die eigentliche Frage indes lautet: Ist die Protonentherapie tatsächlich die schonendere – und damit unter Umständen gerade bei diesen Hirntumoren angezeigte – Bestrahlungsmethode? Prof. Beate Timmermann: „Der große Vorteil der Protonen liegt darin, dass sie sich im Körper zielgenau stoppen lassen und anders als Photonen die hochdosierte Strahlung erst im Tumor und weniger auf dem Weg dorthin abgeben. Das umliegende Gewebe wird auf diese Weise also weniger belastet. Anders ausgedrückt: Bei Protonen ist das Gebiet, das Strahlen im mittleren und niedrigen Dosisbereich abbekommt, kleiner als bei konventionellen Photonen.“

Andererseits muss die Bahn der Protonen ausgesprochen exakt berechnet werden, damit sie das eigentliche Zielgebiet auch tatsächlich erreichen; bereits kleinste Veränderungen in der Gewebedichte oder der Anatomie können problematisch werden. Auch unterscheiden sich beide Bestrahlungsarten, so Prof. Martin Stuschke, letztlich nicht in der „Zielgenauigkeit der hochdosierten Strahlung“, die direkt gegen den Tumor eingesetzt wird. Und gerade in dieser Kernfrage hat die klassische Strahlentherapie in den vergangenen Jahren eine enorme Entwicklung durchgemacht. Im Photonen-Arm der Studie wird nämlich eine moderne Form der intensitätsmodulierten Photonenbestrahlung über in der Regel mehr als drei Strahlungsfelder angewendet. Deren Einstrahlwinkel werden zur Minimierung der Hirnbelastung außerhalb des Zielvolumens aus allen Raumrichtungen individuell optimiert. „Noch vor drei Jahrzehnten haben Mediziner das gesamte Gehirn mit Dosen bestrahlt, die wir heute ganz gezielt unmittelbar im Tumorgebiet einsetzen. Zudem wissen wir mittlerweile deutlich besser, welche Hirnregionen geschützt werden müssen, um etwa wichtige kognitive Leistungen, aber auch die Motorik nicht zu beeinträchtigen.“ sagt Prof. Stuschke. „Photonen sind darüber hinaus gerade in der Kombination mit Medikamenten die bisher in Studien am eingehendste untersuchte Strahlungsart und zeichnen sich durch eine sehr homogene biologische Wirksamkeit im Zielvolumen aus“, führt Prof. Martin Stuschke weiter aus.

Photonen – Protonen: Zwei Verfahren mit eigenen Vor- und Nachteilen und jeweils eigener hochkomplexer Technik im Hintergrund. Und von welcher hat nun der individuelle Hirntumor-Patient den meisten Nutzen? Genau das, so Prof. Timmermann, sei die ausschlaggebende Frage und zugleich der Grund, warum eine solche Studie von Universitäten durchgeführt werden müsse und nicht etwa von kommerziellen Einrichtungen. „Denn hier“, ergänzt Prof. Stuschke, „steht prinzipiell der Nutzen der Patienten im Vordergrund; unser Ziel ist vor allem der Erkenntnisgewinn aus dem direkten Vergleich der Ergebnisse beider Therapieoptionen und deren Weiterentwicklung“.

Die „GliProPh-Studie“ startet aktuell und soll erstmals nach drei Jahren detailliert ausgewertet werden. Neben der expliziten Dokumentation etwa von Hirnleistung und Sprachverständnis sollen die teilnehmenden Patientinnen und Patienten dann auch über ihre subjektive Lebensqualität Auskunft geben. Prof. Glas: „Die Überlebenszeit von Hirntumor-Patienten ist nachweislich mittlerweile doppelt so hoch wie noch vor einigen Jahren. Das Thema dauerhafte Lebensqualität spielt also auch im Hinblick auf die Behandlungsmöglichkeiten eine enorme Rolle. Hier setzen wir mit unserer Studie erstmals bewusst an.“