• Strahlentherapie von Hirntumoren– Interview mit Dr. med. Felicitas Guntrum

    Vergleich von vier Behandlungsplänen – Supratentorielles anaplastisches Gliom Von links nach rechts: 3D-konformaler Plan, IMRT-Plan (intensitätsmodulierte Photonentherapie), RayA RC-Plan (rotations-optimierte IMRT-Technik) und IMPT-Plan (intensitätsmodulierte Protonentherapie © Dirk Geismar

    Strahlentherapie von Hirntumoren– Interview mit Dr. med. Felicitas Guntrum

    In der Krebstherapie von Kindern ist die Protonentherapie bereits überall akzeptiert und hat sich weltweit etabliert. Bei der Behandlung von Gehirntumoren im Erwachsenenalter kann sich das noch stärker durchsetzen – wegen erwarteter Vorteile, sagt Dr. med. Felicitas Guntrum, Oberärztin und Fachärztin für Strahlentherapie am WPE. Im Interview erläutert sie die wichtigsten Aspekte.

    Frau Dr. Guntrum, wie häufig sind Hirntumoren bei Erwachsenen?
    Es handelt sich um eine sehr seltene Krankheit; wir gehen bundesweit von etwa 6.800 Erkrankungen pro Jahr aus; Hirntumoren machen damit etwa zwei Prozent der Tumoren aus. Einer der häufigsten Hirntumore des Erwachsenen ist dabei das Gliom, das in 60 bis 70 Prozent der Fälle vorliegt. Hierzu gehören Astrozytome, Glioblastome, Oligodendrogliome, Oligodendrozytome, Oligoastrozytome und Ependymome. Mehr als die Hälfte der Gliome ist anaplastisch, also sehr bösartig (WHO III- IV); etwa 15 Prozent fallen in die Kategorie WHO II (mäßig differenziertes bösartiges Gewebe). Für einzelne Patientinnen und Patienten dieser Gruppe erhoffen wir uns durch die Protonentherapie nachweisbare Vorteile.

    Inwiefern?
    Viele der Patienten sind noch recht jung, haben gute Heilungschancen und wollen weiterhin ungehindert ihrem Beruf und ihren Hobbies nachgehen. Deswegen sollten wir die Behandlung anbieten, die am besten das gesunde Gewebe schont und möglichst wenig Folgen hat. Folgen einer jedweden Strahlentherapie können schlimmstenfalls die Lebensqualität deutlich einschränken und die wollen wir im Einzelfall reduzieren!

    Können Sie diesen Aspekt bitte ausführlicher erläutern?
    Gerne. Wir lernen durch die aktuelle Forschung enorm viel über wichtige, aber sehr empfindliche Regionen im Gehirn wie z.B. der sogenannte „Hippocampus“, die für geistige Leistungen wie Kombination und Gedächtnis verantwortlich sind. Auch strahleninduzierte Zweittumoren können schon nach niedrigen Strahlendosen entstehen. Es lohnt sich daher aus vielen Gründen, die Strahlung möglichst nur auf das Tumorgebiet zu konzentrieren und eine Belastung der Umgebung zu reduzieren – gerade in einem so empfindlichen Umfeld wie dem menschlichen Gehirn. Aufgrund der physikalischen Eigenschaften hat die Protonenstrahlung hierbei deutliche Vorteile.

    Wie ist das möglich?
    Die aus Wasserstoffatomen gewonnenen Protonen lassen sich mit hoher Genauigkeit auf einen Tumor ausrichten. Umliegendes gesundes Gewebe außerhalb des Zielgebietes wird auf diese Weise optimal geschont. Wir sprechen im Strahlenschutz bei der Dosisverteilung der Strahlen von dem sogenannten „Alara“-Prinzip: As low as reasonably achievable – d.h. die verabreichte Dosis sollte immer so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar sein. Das Prinzip können wir mit Protonen hervorragend berücksichtigen. Das Verfahren beruht auf enormen Rechenprozessen und einer hochmodernen Hardware. Für die Anwendung bedarf es natürlich auch hochqualifizierter Experten aus Physik, Technik und Medizin, wie wir sie am WPE in Essen zur Verfügung stehen haben. Ich hoffe, dass wir mit unserem Team zukünftig bei vielen Patienten mit Hirntumoren eine weitere Verbesserung der Therapie erreichen können – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen.

    Woran könnte das liegen – und in welche Richtung sollten künftige Überlegungen gehen?
    Die Prognose „Überleben“ muss durch den Faktor Lebensqualität ergänzt werden. Es geht also nicht nur um Heilung, sondern auch darum, nach der Therapie ein gutes und selbstständiges Leben führen zu können. Die Neuro-onkologische Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft, deren Mitglied ich seit 15 Jahren bin, hat diese Erkenntnis in den vergangenen Jahren in ihre Forschungsvorhaben integriert. Im UK Essen nehmen wir an allen Tumorkonferenzen für Patienten mit Hirntumoren teil und informieren Patienten mit einem erwarteten Vorteil durch die Protonentherapie. Wir hoffen in Zukunft auch die Patienten in einem weiteren Umfeld zu erreichen, die von einer Protonentherapie profitieren könnten, damit wir oder unsere Kollegen ihm eine optimale Schonung der gesunden Gehirnregionen ermöglichen können.

    Patientinnen und Patienten des WPE profitieren dabei von der Einbindung in das klinische Umfeld des UK Essen. Denn das WPE als Klinik für Partikeltherapie ist integraler Bestandteil des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ), eines der führenden Tumorzentren Deutschlands.

    Wie viele Patienten und Patientinnen mit Hirntumoren wurden bislang im WPE therapiert?
    Unter den etwa 570 Patientinnen und Patienten, die seit 2013 im WPE behandelt wurden, waren die mit Hirntumoren die größte Gruppe mit über 200 Patienten – mehr als 2/3 davon im Alter unter 50 Jahren oder sogar Kinder.

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    Dr. med. Felicitas Guntrum ist Oberärztin und Fachärztin für Strahlentherapie am WPE mit Fachkunde für Partikeltherapie.
    Sie studierte Medizin an der Freien Universität Berlin, war Chefärztin für Radioonkologie am Essener Alfried Krupp Krankenhaus sowie Radioonkologin an den Duisburger Wedau-Kliniken. Sie implementierte im Rahmen ihrer Tätigkeiten neue hochpräzise Strahlentherapie-Techniken (IMRT, Schädelradiochirurgie, stereotaktische Radiotherapie sowie Seed-Implantate bei Prostatakrebs). Ihr Arbeits- und Forschungsschwerpunkt liegt in der Behandlung von Lymphomen, Gehirntumoren, Prostatakrebs, Brustkrebs, gynäkologischem Krebs, Knochen- und Weichteilsarkomen sowie seltenen Erkrankungen. Dr. Guntrum ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO), der European Society for Radiotherapy & Oncology (ESTRO) sowie Mitglied verschiedener Arbeitsgruppen wie der NOA (s.o.).
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