Virtuelle Hilfe bei Angst und Stress

Um möglicher Angst oder Stress im Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen nachhaltig und umfassend zu begegnen, testet das WPE derzeit eine ungewöhnliche Methode: Die VR-Brille des belgischen Unternehmens Oncomfort kombiniert Elemente der klinischen Hypnose, der kognitiven Verhaltenstherapie sowie der achtsamen Stressreduzierung mit modernster Virtual-Reality-Technologie (VR). Federführend begleitet wird die Probephase vom Psychosozialen Dienst am WPE. Das gemeinsame Ziel: Eine erfolgreiche klinische Versorgung vor allem auch jüngerer Patientinnen und Patienten. Die Psychologen Andreas Wiener und Nico Sterr erläutern im Interview die Hintergründe.

Virtuelle Realitäten als Hilfsmittel gegen Angst und Stress ­– das klingt ungewöhnlich. Wie funktioniert die Brille?

Andreas Wiener: Vereinfacht kann man sagen, dass die Patienten über die Brille in eine virtuelle 360-Grad-Umgebung eintauchen, in der sie lernen, mit Angstzuständen oder möglichen Schmerzen effizient und schnell umzugehen. Es gibt unterschiedliche Anwendungsmodule und unterschiedliche Anwendungszeiten zwischen zwei und 60 Minuten, die als Einzelmaßnahmen im entspannten Sitzen oder Liegen absolviert werden. Das System ist dabei nicht nur in Deutsch, sondern in verschiedenen anderen Sprachen, darunter auch in Englisch, Französisch oder Spanisch verfügbar. Außerdem lässt es sich verschiedenen Altersgruppen anpassen: Für einige der Module ist bereits eine Anwendung ab sechs Jahren, je nach individuellem Reifegrad auch etwas früher, möglich. Andere sind eher ab dem Jugend- bis ins Erwachsenenalter einsetzbar.

Wie nah kommt die virtuelle Realität der tatsächlichen?

Andreas Wiener: Es geht bei diesem Projekt nicht um ein virtuelles „Vertrautmachen“ mit unseren Räumlichkeiten oder den Abläufen bzw. Anforderungen während der Bestrahlung. Auch das ist zwar möglich und wird derzeit am WPE im Rahmen einer anderen Studie untersucht, doch bei Oncomfort VR-Brille geht es um etwas anderes: Die dortigen Module sind nicht auf eine hochaufgelöste Nachbildung natürlicher Bilder ausgelegt. Vielmehr läuft die Erfahrung in einer erkennbar anderen Realität ab als in der tatsächlichen; es werden zum Beispiel Unterwasserwelten dargestellt, Weltraumszenarien und relativ abstrakte Figuren.

In welchen Situationen wird die Brille eingesetzt?

Andreas Wiener: Grundsätzlich dient die Brille der Angst-, Anspannungs- und/oder Schmerzreduktion. Entsprechende Indikationen können in unterschiedlichen Situationen im Gesamtablauf einer Behandlung am WPE auftreten, typischerweise zum Beispiel bei der Bestrahlungsvorbereitung oder auch bei der Blutentnahme. Auch können wir die Brille zur allgemeinen Stabilisierung der Patienten nutzen. Es gibt auch Unterschiede, wann eine Anwendung erfolgen kann: am Erstvorstellungstag, am Planungstag, vor der Erstbestrahlung oder als begleitende Maßnahme nach Behandlungsbeginn.

Nach welchem Prinzip funktioniert die Brille?

Nico Sterr: Je nach Indikation, Situation und Alter kann ein passendes App-Modul ausgewählt werden. Hierbei liegt der Fokus zum Beispiel auf der Förderung von Selbstmanagement bei Angst oder Schmerz oder aber auch auf Ablenkung. Methodische Grundlagen hierfür liefern Elemente von Entspannungs- und Hypnoseverfahren und der Einsatz von Atemtechniken.

Welche Vorteile hat das Prinzip „Virtual Reality“ im Rahmen einer solchen Behandlung?

Nico Sterr: Therapeutische Verfahren zur Stress-, Schmerz oder Angstreduktion existieren ja schon länger als die technischen Voraussetzungen für VR. Die hier verfügbaren App-Module greifen auf bekannte Methoden der Psychologie zurück. Da die VR-Brille weder während der Planungsmaßnahmen noch während der eigentlichen Bestrahlungssitzungen verwendbar ist, bietet sie insofern keinen „Vorteil“ gegenüber Methoden, die ohne Hilfsmittel und ausschließlich im persönlichen Kontakt zwischen Patienten und Mitarbeitenden des WPE, Psychoonkologen zum Beispiel, umgesetzt werden. Andererseits ist es nicht unwahrscheinlich, dass Anwendungen zur Entspannung oder Ablenkung von der VR-Technologie profitieren, weil diese die Aufmerksamkeit leichter unmittelbar und gänzlich bindet. Der Fachbegriff lautet „Immersion“ und meint quasi ein umfassendes Eintauchen in die virtuelle Welt.

Also wird beispielsweise Menschen, die nicht so einfach mental auf eine innere Welt zurückgreifen können,

… der Zugang zu Entspannungs- oder Ablenkungsverfahren durchaus erleichtert, ganz genau. Im besten Fall können diese Personen den positiven Effekt der VR-Erfahrungen auch ohne die Brille selbst einleiten. Neben den bisher am WPE eingesetzten Methoden zur Stress- und Angstreduktion könnte sich die VR-Applikation also als ein sinnvolles, ergänzendes Instrument erweisen, insbesondere da jeder Mensch über unterschiedliche Kanäle erreichbar ist.

Heißt das, dass die VR-Brille am WPE künftig regelmäßig zum Einsatz kommt?

Nico Sterr: Derzeit ist die Oncomfort-Brille noch keine Standard- oder Routinemaßnahme. Wir durchlaufen aktuell erst einmal eine Erprobungsphase und können noch nicht abschätzen, welchen konkreten Stellenwert entsprechende Anwendungen im Rahmen der psychosozialen Versorgung am WPE zukünftig einnehmen werden. Das hat auch mit der Verfügbarkeit von Personal, das die Anwendungen begleitet, geeigneten Räumlichkeiten oder der Integrierbarkeit in die zeitlichen Abläufe zu tun. Aktuell ist mit der Anwendung der VR-Brille auch noch keine wissenschaftliche Studie verbunden; wir dokumentieren lediglich einige grundlegende Punkte wie etwa die Entwicklung von Angsterleben, die Patientenzufriedenheit oder auch die Anwendungserfahrungen der Mitarbeitenden des Psychosozialen Dienstes.

Bislang wurden acht Patienten im Alter von neun bis 55 Jahren in 16 Sitzungen betreut. Welche konkreten Rückmeldungen haben Sie bislang bekommen?

Andreas Wiener: Die Rückmeldungen waren bislang einhellig positiv. Die Patienten gaben am Ende der Anwendung ein niedriges Level von Anspannung, Ängstlichkeit und Schmerz an. Alle haben außerdem die Anwendung auch anderen Patienten empfohlen.

Gibt es Einschränkungen im Hinblick auf die Zielgruppe? Ist es beispielsweise leichter, Kinder und Jugendliche für die Brille zu begeistern, weil digitale Möglichkeiten bei diesen auch in anderen Lebensbereichen eine größere Rolle spielen als etwa bei deutlich älteren Menschen?

Andreas Wiener: Es ist natürlich wahrscheinlicher, dass eher jüngere Menschen als ältere mit virtuellen Lebenswelten Bekanntschaft gemacht haben, etwa aus dem Gamingbereich, und folglich eine niedrigere Berührungsschwelle bzw. eine höhere Affinität gegenüber VR-Anwendungen haben. Wir haben – ohne Anspruch auf wissenschaftliche Fundierung – bislang jedoch die Erfahrung gemacht, dass Menschen weniger aufgrund ihres bloßen Lebensalters, sondern eher aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale für eine VR-Anwendung ansprechbar sind. Zum Beispiel, weil sie eine Affinität gegenüber Technik im Allgemeinen und virtueller Realität im Speziellen haben. Oder eben, weil sie einfach besonders neugierig sind und – der Krankheit, ihrer Behandlung und den damit verbundenen Belastungen zum Trotz – gerne etwas Neues ausprobieren.

Nico Sterr (li.) und Andreas Wiener vom Psychosozialen Dienst des WPE.