
Neue ESTRO-Leitlinie zur Strahlentherapie bei Weichteilsarkomen bei Erwachsenen
Eine neue internationale Leitlinie der European Society for Radiotherapy and Oncology (ESTRO) „ESTRO clinical practice guideline on radiotherapy for adult soft tissue sarcoma of the extremities and trunk wall – Endorsed by ASTRO“ gibt aktualisierte Empfehlungen zur Strahlentherapie bei Weichteilsarkomen im Erwachsenenalter. Die Handlungsempfehlung zur Behandlung von Soft-Tissue-Sarkomen der Extremitäten und Rumpfwand wurde von einem internationalen Expertengremium aus 16 Fachleuten erarbeitet und im Fachjournal Radiotherapy & Oncology veröffentlicht. Die Publikation bestätigt etablierte Standards der Bestrahlung und zeigt zugleich, welche neuen Therapieansätze derzeit wissenschaftlich untersucht werden.
Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Leitlinie spielte Prof. Dr. Beate Timmermann als Co-Chair der ESTRO Focus Group Skin & Soft Tissue Sarcoma, aus der die Initiative für die Leitlinienerstellung hervorging. Gemeinsam mit internationalen Expertinnen und Experten wurden aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse bewertet und praxisrelevante Empfehlungen für Indikationsstellung, Planung und Durchführung der Strahlentherapie formuliert. So konnten unterschiedliche Erfahrungen, Versorgungsrealitäten und wissenschaftliche Perspektiven in die Empfehlungen einfließen. Die Leitlinie stellt damit einen breit abgestimmten internationalen Konsens dar und bietet eine wichtige Orientierung für die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit einem Weichteilsarkom weltweit.
Aktualisierte Leitlinie für erwachsene Patientinnen und Patienten mit Weichteilsarkomen
Weichteilsarkome (Soft-Tissue-Sarkome) sind seltene bösartige Tumoren des Weichgewebes. Sie können unter anderem aus Fett-, Muskel-, Binde- oder Nervengewebe entstehen. Zu dieser Tumorgruppe zählen beispielsweise:
- Liposarkom
- Synovialsarkom
- Leiomyosarkom
- weitere nicht-rhabdomyosarkomatöse Weichteilsarkome
Die aktualisierte ESTRO-Leitlinie bezieht sich auf die Behandlung erwachsener Patientinnen und Patienten mit lokalisierten Weichteilsarkomen der Arme, Beine und Körperstamm. Ziel ist es, behandelnden Fachdisziplinen eine praktische und evidenzbasierte Orientierung für die Strahlentherapie dieser seltenen Tumorerkrankungen zu geben.
Internationale Expertengruppe mit Beteiligung des WPE
Für die Erstellung der Leitlinie setzte die ESTRO eine internationale Arbeitsgruppe ein. Diese bestand aus:
- 13 Expertinnen und Experten aus Europa
- 3 Fachleuten der American Society for Radiation Oncology (ASTRO)
Die Gruppe bewertete die aktuelle wissenschaftliche Datenlage und formulierte Empfehlungen zu insgesamt 13 klinisch relevanten Fragestellungen. Dazu zählten unter anderem die Indikationsstellung, die Bestrahlungsplanung, die optimale Reihenfolge von Bestrahlung und Operation sowie Empfehlungen zur Dosis und zur Schonung umliegender Organe.
Unter den von der ESTRO benannten europäischen Expertinnen und Experten war auch Prof. Dr. Beate Timmermann als Fokusgruppenleiterin vertreten, die ihre fachliche Expertise bei der Behandlung von Sarkomen in die Erarbeitung der Leitlinie eingebracht hat.
Wann ist eine Bestrahlung bei einem Weichteilsarkom sinnvoll?
Die Leitlinie betont, dass die Entscheidung für eine Strahlentherapie individuell getroffen werden sollte. Ausschlaggebend ist insbesondere das Risiko eines lokalen Rückfalls. Dieses hängt unter anderem von Tumorgröße, Tumorlage, Tumorgrad und der histologischen Unterform ab.
Deshalb wird empfohlen, die Behandlung von Weichteilsarkomen grundsätzlich in spezialisierten Sarkomzentren zu planen. Die Entscheidung sollte in einem interdisziplinären Team aus Chirurgie, Onkologie, Radiologie und Strahlentherapie erfolgen.
Präoperative Strahlentherapie bleibt bevorzugter Standard
Ein zentrales Ergebnis der aktualisierten Leitlinie ist die Bestätigung des bisherigen Standards: Ist bei einem lokalisierten Weichteilsarkom eine Strahlentherapie indiziert, wird die präoperative Bestrahlung mit anschließender Operation als bevorzugte Behandlungssequenz empfohlen.
Die empfohlene Therapiesequenz lautet damit:
- präoperative Strahlentherapie
- anschließende operative Tumorentfernung
Dieses Vorgehen kann dazu beitragen, das Bestrahlungsvolumen zu begrenzen und gesundes Gewebe besser zu schonen. Dadurch lassen sich mögliche langfristige Nebenwirkungen wie Fibrosen, Gelenkversteifungen oder Lymphödeme reduzieren.
Präzise Bestrahlungsplanung durch moderne Verfahren
Für die Bestrahlungsplanung empfiehlt die Leitlinie eine MRT-basierte Zielvolumendefinition mit standardisierten Sicherheitssäumen. Dadurch kann das Tumorgewebe möglichst exakt abgegrenzt werden.
Für die Durchführung werden moderne hochkonformale Techniken mit täglicher Bildführung empfohlen, insbesondere:
- IMRT (intensitätsmodulierte Strahlentherapie)
- VMAT (volumenmodulierte Rotationsbestrahlung)
- Trotz technischer Weiterentwicklungen betonen die Autorinnen und Autoren, dass die grundlegenden Prinzipien der Behandlung weiterhin unverändert geblieben sind.
Protonentherapie als hochpräzises Bestrahlungsverfahren
Auch wenn der Fokus der veröffentlichten ESTRO-Leitlinie nicht speziell auf der Protonentherapie liegt, gehört sie zu den modernen hochpräzisen Verfahren der Strahlentherapie. Wie andere konformale Bestrahlungstechniken ermöglicht auch die Protonentherapie eine sehr genaue Anpassung der Strahlendosis an das Zielvolumen.
Insbesondere bei Weichteilsarkomen in anatomisch anspruchsvollen Regionen kann eine präzise Bestrahlungsplanung dazu beitragen, umliegende gesunde Organe und Gewebestrukturen bestmöglich zu schonen. Welche Form der Strahlentherapie im individuellen Fall am geeignetsten ist, sollte in spezialisierten Sarkomzentren auf Grundlage der jeweiligen Tumorlokalisation, der angrenzenden Risikoorgane und des gesamten Behandlungskonzepts entschieden werden.
Neue Entwicklungen weiterhin Gegenstand klinischer Forschung
Neben den etablierten Behandlungskonzepten werden auch neue Ansätze beschrieben. Dazu gehören insbesondere:
- verkürzte präoperative Bestrahlungskonzepte (Hypofraktionierung)
- Kombinationen von Strahlentherapie mit Immuntherapie
- Kombinationen mit zielgerichteten medikamentösen Therapien
Diese Verfahren gelten derzeit noch als Gegenstand klinischer Forschung und sollen nach Empfehlung der Expertengruppe noch nicht routinemäßig außerhalb von Studien eingesetzt werden.
ESTRO
Die European Society for Radiotherapy and Oncology (ESTRO) ist die führende europäische Fachgesellschaft für Strahlentherapie und Radioonkologie. Sie fördert Forschung, Aus- und Weiterbildung sowie die Entwicklung evidenzbasierter Leitlinien, um die Qualität der Krebsbehandlung und die Versorgung von Patientinnen und Patienten kontinuierlich zu verbessern.
Download der Leitlinie
Die englische Leitlinie inkl. der Angaben der jeweiligen Studien und ihrer Ergebnisse kann hier abgerufen werden:
Weichteilsarkome am WPE
Sarkome spielen am WPE eine besondere Rolle. Mit knapp 1.450 behandelten Sarkomen, darunter mehr als 730 Weichteilsarkome, sind diese Tumoren die zweithäufigste Diagnose in unserem Zentrum.
Weiteilsarkompatien:innen bietet die Protonentherapie eine wichtige Therapieoption.

5000. Patientenbehandlung im WPE
Im Februar 2025 wurde im WPE der 5000. Patient behandelt. Der junge Mann hat ein Weichteilsarkom und wird mit Protonen bestrahlt.
Sarkomzentrum der UME
Das Sarkomzentrum am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) der Universitätsmedizin Essen gehört zu den größten spezialisierten Zentren für die Behandlung von Sarkomen in Deutschland. Durch die enge Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen erhalten Patientinnen und Patienten eine individuell abgestimmte Diagnostik und Therapie nach aktuellen wissenschaftlichen Standards.
Behandlung von Weichteilsarkomen in spezialisierten Zentren
Die aktualisierte internationale ESTRO-Leitlinie unterstreicht die Bedeutung spezialisierter Sarkomzentren für die Behandlung von Weichteilsarkomen bei Erwachsenen. Für Betroffene bedeutet dies, dass moderne Bestrahlungskonzepte – einschließlich hochpräziser Verfahren – am besten in erfahrenen Zentren geplant werden sollten, in denen verschiedene Fachdisziplinen eng zusammenarbeiten.
Pressekontakt
Medizinische Leiterin: Prof. Dr. med. Beate Timmermann
Hufelandstraße 55
45147 Essen
Redaktion: Dr. Stefanie Schulze Schleithoff, Tel. 0201-723-6607, partikeltherapie@uk-essen.de