
Strahlentherapie bei Säuglingen und Kleinkindern mit Hirntumoren
Europaweite Studie zeigt Bedarf an gemeinsamen Standards
Wenn bei einem Säugling oder Kleinkind ein Hirntumor diagnostiziert wird, stehen Familien und Behandlungsteams vor besonders schwierigen Entscheidungen. Bei Kindern unter drei Jahren kann eine Strahlentherapie für die Behandlung bestimmter Tumoren wichtig oder sogar entscheidend sein. Gleichzeitig befindet sich das Gehirn noch in einer sehr sensiblen Entwicklungsphase. Deshalb müssen die möglichen Vorteile einer Bestrahlung sorgfältig gegen Risiken für die weitere körperliche, geistige und neurologische Entwicklung abgewogen werden.
Eine aktuelle europaweite Befragung unter Fachleuten untersucht, wie die Strahlentherapie bei Kindern unter 36 Monaten mit Hirn- und hirnnahen Tumoren in der klinischen Praxis eingesetzt wird. Die Studie wurde unter Federführung des Westdeutschen Protonentherapiezentrums Essen (WPE) gemeinsam mit der Brain Tumor Group der European Society for Paediatric Oncology (SIOPE) durchgeführt.
Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick
- Die unteren Altersgrenzen für eine Strahlentherapie bei Säuglingen und Kleinkindern unterscheiden sich je nach klinischer Situation und Zentrum.
- Therapieentscheidungen werden überwiegend auf Grundlage von Studienprotokollen und in interdisziplinären Teams getroffen.
- Einheitliche, altersbezogene Empfehlungen für die Strahlentherapie bei Kindern unter drei Jahren fehlen bislang weitgehend.
- Bei der individuellen Abwägung spielen unter anderem Tumorart, Prognose, Bestrahlungsvolumen, notwendige Strahlendosis und mögliche Langzeitfolgen eine wichtige Rolle.
- Die strukturierte Nachsorge zur Erfassung möglicher Spätfolgen ist europaweit noch nicht einheitlich organisiert.
Welche Hirntumoren werden bei Säuglingen und Kleinkindern am häufigsten bestrahlt?
Die europaweite Befragung zeigt, dass eine Strahlentherapie bei Kindern unter drei Jahren insbesondere bei bestimmten Hirntumoren eingesetzt wird. Als die am häufigsten bestrahlten Tumorarten nannten die befragten Fachleute:
- Ependymome,
- Medulloblastome,
- atypische teratoide/rhabdoide Tumoren (ATRT).
Ob und zu welchem Zeitpunkt eine Strahlentherapie sinnvoll ist, wird bei jedem Kind individuell entschieden. Dabei berücksichtigen die behandelnden Teams unter anderem die Tumorart, die Ausbreitung der Erkrankung, das Alter des Kindes, bereits erfolgte Behandlungen und die möglichen Langzeitfolgen.
Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern wird häufig geprüft, ob eine Bestrahlung zunächst durch andere Behandlungsansätze wie Operation oder Chemotherapie aufgeschoben werden kann. Bei einigen Erkrankungen kann die Strahlentherapie jedoch wichtig sein, um die Heilungschancen zu verbessern oder das Risiko eines Wiederauftretens zu senken.
Warum ist die Strahlentherapie bei Säuglingen und Kleinkindern mit Hirntumoren so anspruchsvoll?
Kinder unter 36 Monaten befinden sich in einer besonders sensiblen Phase ihrer neurologischen, körperlichen und psychosozialen Entwicklung. Eine Strahlentherapie kann in diesem Alter mit einem erhöhten Risiko für langfristige Nebenwirkungen verbunden sein, beispielsweise für Beeinträchtigungen der kognitiven Entwicklung, des Wachstums oder hormoneller Funktionen.
Gleichzeitig kann die Bestrahlung bei bestimmten Hirntumoren notwendig sein, um die Heilungschancen zu verbessern oder ein Wiederauftreten der Erkrankung zu verhindern. Hinzu kommen praktische Herausforderungen: Sehr junge Kinder benötigen für die tägliche Behandlung häufig eine Narkose, damit sie während der Bestrahlung ruhig und präzise gelagert werden können.
Moderne Bestrahlungstechniken ermöglichen heute eine immer genauere Behandlung. Dennoch fehlen europaweit bislang harmonisierte, altersbezogene Empfehlungen speziell für Säuglinge und Kleinkinder mit Hirntumoren.
Ziel der Studie
Ziel der Studie war es, die aktuelle klinische Praxis und die altersabhängigen Entscheidungsprozesse bei der Strahlentherapie von Kindern unter 36 Monaten zu untersuchen.
Dafür führte das WPE unter der Federführung von Prof. Dr. med. Beate Timmermann und Kristina Gaus gemeinsam mit der Brain Tumor Group der SIOPE eine europaweite, webbasierte Befragung durch. Untersucht wurden unter anderem:
- untere Altersgrenzen für den Einsatz einer Strahlentherapie,
- Entscheidungsprozesse bei der Therapieplanung,
- technische und organisatorische Voraussetzungen,
- die Nutzung von Leitlinien und Studienprotokollen,
- die Nachsorge und Erfassung möglicher Spätfolgen.
An der Befragung beteiligten sich 52 Fachleute aus 23 europäischen Ländern.
Strahlentherapie wird individuell eingesetzt
Alle befragten Zentren behandelten Kinder unter 36 Monaten mit Strahlentherapie. Allerdings bestrahlten nur 58 Prozent auch Kinder unter 18 Monaten und lediglich 27 Prozent Kinder unter einem Jahr. Die meisten Zentren behandelten dabei nur sehr wenige dieser jungen Patientinnen und Patienten pro Jahr.
Die Befragung zeigte Unterschiede zwischen den europäischen Zentren. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden berichtete von Altersgrenzen, unterhalb derer eine Bestrahlung möglichst vermieden oder hinausgezögert wird. Diese Grenzen lagen je nach Zentrum meist zwischen 12 und 36 Monaten.
Besonders zurückhaltend waren viele Zentren bei der kraniospinalen Bestrahlung, also der Bestrahlung von Gehirn und Rückenmark. 87 Prozent der Befragten gaben an, diese Behandlungsform bei Kindern unter 36 Monaten möglichst zu vermeiden.
Welche Faktoren beeinflussen die Therapieentscheidung?
Das Alter allein entscheidet nicht darüber, ob ein Kind eine Strahlentherapie erhält. Jede Behandlung wird individuell geplant und im Kontext der jeweiligen Erkrankung bewertet.
Wichtige Einflussfaktoren sind:
- Tumorart und Prognose,
- Lage und Ausdehnung des Tumors,
- Größe des Bestrahlungsvolumens,
- notwendige Strahlendosis,
- erwartete akute und langfristige Nebenwirkungen,
- verfügbare alternative Behandlungsoptionen, etwa Operation oder Chemotherapie.
Als wichtigste Gründe für eine zurückhaltende Entscheidung nannten die Befragten den Schutz der kognitiven Entwicklung und die Vermeidung von Entwicklungsbeeinträchtigungen. 98 Prozent sahen den Erhalt der geistigen Entwicklung als entscheidenden Faktor an, 75 Prozent nannten die Vermeidung von Entwicklungsstörungen.
Moderne Bestrahlungstechniken sind weit verbreitet
Die Mehrheit der befragten Zentren verfügt über moderne Bestrahlungstechnologien. Die Protonentherapie wurde von 66 Prozent der Befragten als bevorzugte Technik genannt. Moderne Photonenverfahren wie die intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT) oder die volumetrisch modulierte Arc-Therapie (VMAT) nannten 58 Prozent.
Moderne Verfahren können eine präzise Abdeckung des Zielvolumens ermöglichen und dabei gesundes Gewebe besser schonen. Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern ist dies ein wichtiger Aspekt der Therapieplanung. Technische Fortschritte allein reichen jedoch nicht aus: Ebenso wichtig sind eine strukturierte Langzeitnachsorge, psychosoziale Unterstützungsangebote und die enge Zusammenarbeit spezialisierter, interdisziplinär vernetzter Zentren.
Publikation
Die Originalpublikation ist im European Journal of Cancer & Pediatric Oncology erschienen.
SIOPE
Die European Society for Paediatric Oncology (SIOPE) ist die europaweite Fachgesellschaft für die pädiatrische Onkologie. Sie vernetzt mehr als 2.700 Fachleute aus 36 europäischen Ländern und setzt sich für eine bestmögliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Krebserkrankungen ein.
Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem die Förderung von Forschung und Zusammenarbeit sowie die Entwicklung gemeinsamer Empfehlungen und Standards für die Behandlung.
SIOPE Brain Tumor Group
Die SIOPE Brain Tumor Group (BTG) bringt europäische Expertinnen und Experten zusammen, die sich auf Hirntumoren bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert haben. Die Gruppe fördert den internationalen Austausch und die gemeinsame Weiterentwicklung von Forschung, Behandlungsempfehlungen und Standards in der pädiatrischen Neuroonkologie.
Prof. Dr. med. Beate Timmermann ist seit vielen Jahren in der SIOPE Brain Tumor Group und insbesondere im Bereich der pädiatrischen Strahlentherapie international wissenschaftlich aktiv. Sie war unter anderem an europäischen Konsensus-Empfehlungen zur Strahlentherapie von Hirntumoren beteiligt.
Auch die im Beitrag vorgestellte europaweite Befragung zur Strahlentherapie bei Säuglingen und Kleinkindern entstand unter Beteiligung der SIOPE Brain Tumor Group.
Kinderonkologisches Programm der UME / WTZ
Das Kinderonkologische Programm der Universitätsmedizin Essen am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) bündelt die spezialisierten Fachdisziplinen für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Krebserkrankungen.
Bei Hirntumoren arbeiten unter anderem Kinderonkologie, Neurochirurgie und Strahlentherapie eng zusammen – das Westdeutsche Protonentherapiezentrum Essen (WPE) ist als Teil des WTZ in die interdisziplinäre Behandlung eingebunden. So können für jedes Kind die individuell geeigneten Behandlungsmöglichkeiten gemeinsam abgestimmt werden.

6000. Patientenbehandlung am WPE: Mit Protonen gegen einen Hirntumor
Im Februar 2025 wurde im WPE der 5000. Patient behandelt. Der junge Mann hat ein Weichteilsarkom und wird mit Protonen bestrahlt.
Entscheidungen werden interdisziplinär getroffen
Fast alle Befragten, 98 Prozent, gaben an, dass Entscheidungen über eine Strahlentherapie bei sehr jungen Kindern im Rahmen interdisziplinärer Tumorkonferenzen getroffen werden. Dabei arbeiten Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, beispielsweise Kinderonkologie, Neurochirurgie, Strahlentherapie, Radiologie, Pathologie, Anästhesie und unterstützenden psychosozialen Angeboten.
Bei seltenen oder besonders komplexen Erkrankungen werden häufig zusätzlich nationale oder internationale Expertinnen und Experten einbezogen. Auch Eltern werden nach Angaben der Befragten in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass Informationsangebote, strukturierte Entscheidungsprozesse und psychosoziale Unterstützung weiter ausgebaut werden können.
Bedarf an europaweiten Standards
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist das Fehlen harmonisierter Empfehlungen für die Strahlentherapie von Kindern unter drei Jahren. Internationale Studienprotokolle werden zwar häufig genutzt, doch nur etwa die Hälfte der Befragten verfügte über spezielle lokale Vorgaben oder Standards für diese Altersgruppe.
Darüber hinaus berichteten viele Zentren, dass Dosis- und Volumengrenzen häufig nicht von denen älterer Kinder abweichen. Die Autorinnen und Autoren sehen deshalb einen dringenden Bedarf an europaweit abgestimmten, alters- und risikoadaptierten Empfehlungen. Diese könnten dazu beitragen, Behandlungsentscheidungen besser vergleichbar zu machen und die Versorgung besonders junger Patientinnen und Patienten weiter zu verbessern.
Fazit: Individuelle Therapieplanung und spezialisierte Versorgung sind entscheidend
Die Strahlentherapie bei Säuglingen und Kleinkindern mit Hirntumoren wird in Europa sehr sorgfältig und individuell eingesetzt. Entscheidungen hängen nicht nur vom Alter des Kindes ab, sondern insbesondere von der Tumorart, der Prognose, den verfügbaren Behandlungsalternativen und den möglichen Langzeitfolgen.
Die Studie unterstreicht, wie wichtig spezialisierte interdisziplinäre Teams, moderne Bestrahlungstechniken und eine langfristige Nachsorge für diese besonders vulnerable Patientengruppe sind. Gleichzeitig zeigt sie den Bedarf an gemeinsamen europäischen, altersgerechten Empfehlungen für die Strahlentherapie bei Kindern unter drei Jahren.
Pressekontakt
Medizinische Leiterin: Prof. Dr. med. Beate Timmermann
Hufelandstraße 55
45147 Essen
Redaktion: Dr. Stefanie Schulze Schleithoff, Tel. 0201-723-6607, partikeltherapie@uk-essen.de